Religiosität in Psychiatrie

Die religiösen und spirituellen Dimensionen sind in der psychiatrischen Forschung der letzten 150 Jahre stark vernachlässigt worden. Im späten 19. Jahrhundert haben Jean Charcot und Sigmund Freud begonnen, Religion mit Hysterie und Neurose zu assoziieren. Damit begann eine Separation des religiösen Erlebens vom psychiatrischen Gesundheitswesen. 1969 resümierte der US-Psychiater Victor D. Sanua, es gebe keine wissenschaftlichen Studien, die zeigen, dass Religion der seelischen Gesundheit zuträglich wäre. Das ist auch der Wissensstand einiger Kollegen.

Der Psychiater David Larson und seine Mitarbeiter begannen in den 1980er Jahren an der Duke-University (USA), diese Meinung wissenschaftlich zu hinterfragen, indem sie die vorhandenen Forschungsdaten der quantitativen Studien systematisch verglichen. Die Forschungsgruppe stellte 1986 fest, dass nur 2,5 Prozent der psychiatrischen Studien den Faktor Religiosität oder Spiritualität beinhalteten. 1992 publizierte sie eine Analyse aller Publikationen der zwei führenden Journale zwischen 1978 und 1989, in denen sie alle Methoden zur Messung von Religiosität erfasste. Sie fand in 35 Studien 139 religiöse Parameter. Im Gegensatz zu Sanua’s Behauptung zeigte sich, dass 72 Prozent der Studien eine positive Korrelation zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit erhoben, 16 Prozent fanden eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit durch Religion und 12 Prozent zeigten keine Korrelation.

20 Jahre später sind – wieder an der Duke University – die Jahre 1990 bis 2010 im Sinne eines evidenzbasierten systematischen Reviews analysiert worden (Bonelli & Koenig 2013). Über 5200 publizierte Studien mit Originaldaten zu diesem Thema wurden erfasst. Daraus wurden die besten Arbeiten nach objektiven Kriterien herausgeholt und detailliert untersucht: Nur die Studien aus Journalen der obersten 25 Prozent des ISI Citation Index 2010 wurden aus diesem Pool ausgewählt, das sind die 32 bestzitierten psychiatrischen Journale der 126 auf dieser ISI Liste angeführten. Diese Methode ist deswegen so nützlich, weil die Auswahl der untersuchten Studien nicht von der subjektiven Meinung der Wissenschaftler abhängt. Jeder Wissenschaftler, der die wissenschaftliche Forschung der letzten 20 Jahre mit dieser objektiven Methode untersucht, kommt zum selben Ergebnis. Das Ergebnis dieses evidenzbasierten systematischen Reviews ist keinesfalls eine bloße persönliche Meinung der Autoren, sondern beschreibt den heutigen Stand der Wissenschaft. Wer diese Ergebnisse kleinreden oder gar nicht wahrhaben möchte, beweist damit seine unwissenschaftliche Grundhaltung – dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Hier die Hauptresultate der Analyse: Alle Studien berichten zu 74 Prozent eine positive Korrelation zwischen Religiosität oder Spiritualität und psychischer Gesundheit, 2 Prozent finden keinerlei Korrelationen, 19 Prozent zeigen gemischte Resultate (sowohl positive wie negative) und 5 Prozent fanden eine negative Korrelation. Anders formuliert zeigen 93 Prozent zumindest eine positive Korrelation, während 23 Prozent zumindest eine negative Assoziation zeigen. Alle Studien über Demenz, Suizid und Neurose zeigten einen positiven Einfluss der Religiosität auf die psychische Gesundheit, sowie 79 Prozent der Studien über Depression und 67 Prozent der Arbeiten über Suchterkrankungen. Auf der anderen Seite waren die meisten Studien über Schizophrenie gemischt oder positiv, und die über Bipolare Erkrankungen gemischt oder negativ.

Qualität und Volumen der psychiatrischen Religiositätsforschung sind in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gestiegen. Zwischen 1990 und 2010 haben zwei Top-Journale religionswissenschaftliche Arbeiten über die organischen psychischen Störungen publiziert. Beide Arbeiten haben viele Gemeinsamkeiten: Beide untersuchen Patienten mit Alzheimer Demenz, beide sind methodisch ausgezeichnet, beide untersuchen primär Religiosität, beide waren prospektiv angelegt, also im Voraus geplant, und beide Studien kommen zu einer hohen Korrelation zwischen Religiosität und langsameren kognitiven Abbau über 12 Monate. Neun Top-Studien wurden in die Gruppe der Suchterkrankungen kategorisiert. In der WHO-Klassifikation werden neun Suchtsubstanzen aufgelistet, von denen sechs durch die Studien untersucht werden. Alle Studien untersuchen die Alkoholkrankheit, zwei ausschließlich und die anderen in Kombination mit anderen Suchtmitteln: Nikotin, Heroin, Marihuana, Kokain, Butangas, Klebstoffschnüffeln, Substanzabhängigkeit im Allgemeinen und illegale Drogen. Drei der neun Subkategorien wurden nicht untersucht: Sedative oder Hypnotika, andere Stimulantien, wie Koffein und Halluzinogene. Vier Studien untersuchen jugendliche Probanden, vier Erwachsene und eine eine geriatrische Population. Eine Studie untersuchte ausschließlich weibliche Probanden. Bis auf eine Studie fanden alle eine negative Korrelation zwischen Religiosität und Substanzmissbrauch. Eine fand eine negative Korrelation zwischen Religiosität und Substanzmissbrauch, aber nicht mit Alkoholmissbrauch. Alle Studien über Heroin, Marihuana, Kokain, Nikotin, Butangas- und Klebstoffschnüffeln fanden einen inversen Zusammenhang zwischen Religiosität und Sucht. Die einzige Studie in dieser Gruppe, die keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Suchterkrankung und Religiosität fand, war die neueste Studie mit der größten untersuchten Population. Sie untersuchte das Alter bei erstem Alkoholkontakt bei Zwillingen und Geschwistern (im Alter zwischen 11 und 21 Jahren), die dieselbe oder eine unterschiedliche Religiosität aufwiesen. Die Autoren fanden, dass das Durchschnittsalter der Gruppe „beide religiös“ mit 14,4 Jahren signifikant höher war als das der Gruppe „beide areligiös“ (13,9 Jahre). Wenn das Geschwisterpaar unterschiedlich religiös war, zeigte sich sowohl beim religiösen als auch beim areligiösen Geschwister ein Durchschnittsalter von 14,2 Jahre für den ersten Alkoholkontakt.
Fünf Studien der Religiosität waren im Zusammenhang mit der Gruppe Schizophrenie, Schizotype und wahnhafte Störungen zwischen 1990 und 2010 in Top- Journals publiziert worden. Die meisten Studien untersuchten Patienten der gesamten Gruppe, während eine Untersuchung Patienten mit akuter und vorübergehender psychotischer Störung behandelten. Diese beschrieben, dass „intensive religiöse Erfahrungen“ die Wahrscheinlichkeit für vorübergehende psychotische Episoden erhöhen würde, während die anderen vier Studien ergaben, dass Religiosität mit höherer Compliance (Vertrauen in den Arzt) und damit besserer Befindlichkeit bei Patienten mit Schizophrenie vergesellschaftet sei. Eine Arbeitsgruppe fand eine längere Verlaufszeit von unbehandelten Psychosen bei protestantischen Sekten verglichen mit areligiösen Patienten. Eine andere Forschungsgruppe fand eine höhere Rate von Noncompliance (Misstrauen in den Arzt) in der Gruppe „individuell spirituell aber nicht konfessionell gebunden“, verglichen mit der Gruppe der Areligiösen und der Gruppe der konfessionell Gebundenen.

24 der 43 zwischen 1990 und 2010 publizierten Top-Studien wurden mit Patienten durchgeführt, die als affektive Störungen kategorisiert sind. Von diesen haben zwei Untersuchungen die Subkategorie Bipolare Störungen behandelt, während 19 Studien die Subkategorie Depressive Episode oder Wiederholte Depressive Störung untersucht haben. Keine einzige Studie in Top- Journalen hat die Subkategorien Hypomanie und Persistente affektive Störungen untersucht. In die Gruppe der affektiven Störungen zählt die Thematik des Suizides, dem drei Studien gewidmet wurden.

Eine Patientenbefragung 2003 ergab, dass die meisten Patienten einen Zusammenhang zwischen ihrem Glauben und ihrem Umgang mit der Erkrankung sahen. Viele verwendeten ihre Religion als hilfreiche Strategie gegen Symptome der Krankheit. Allerdings befand eine signifikante Minderheit der Patienten, dass ihr Glaube sie in Konflikt mit dem Krankheitsverständnis brachte (24%), und vor allem mit dem Rat, den sie vom Psychiater erhielten (19%). Interessanterweise fand Mario Cruz von der Universität Pittsburgh 2010 erhöhte Gebetsaktivität bei bipolaren Patienten im Mischzustand und niedrigere Gebetsaktivität im psychisch stabilen Zustand. Depression und Manie hingegen waren nicht mit der Gebetshäufigkeit assoziiert.

Während die Rolle der Religiosität bei der Bipolaren Störung nicht so eindeutig ist, ist sie bei den Studien über Suizidalität umso klarer. Die Untersuchung zeigt eine negative Korrelation zwischen Religiosität und Suizidtoleranz (ausgeprägter bei Frauen als bei Männern). Eine höhere Suizidtoleranz war erwartungsgemäß auch mit einer signifikant höheren Suizidrate verbunden. Eine höhere Religiosität, häufigerer Gottesdienstbesuch und religiöse Erziehung waren bei Frauen statistisch mit einer niedrigeren Suizidrate verbunden – allerdings bei Männern nicht. Rasic und Mitarbeiter zeigten 2009, dass 0,47 Prozent der religiösen und 0,83 Prozent der nicht-religiösen Probanden in den letzten 12 Monaten zumindest einen Suizidversuch unternahmen. Die Faktoren „Sich selbst als spirituell/religiös einordnen“ und „Gottesdienstbesuch“ waren beide in dieser Untersuchung mit einer signifikant erniedrigten Wahrscheinlichkeit eines Suizidversuchs assoziiert. Eine dritte Studie zeigte, dass Menschen ohne religiöse Bindung in ihrer Lebenszeit signifikant mehr Selbstmordversuche unternehmen als Personen, die in einer Glaubensgemeinschaft gebunden sind. Menschen ohne religiöse Bindung empfinden weniger Gründe zu leben und weniger moralische Hemmungen vor einer Suizidhandlung. Diese Personengruppe weist eine höhere Impulsivität und Aggressivität auf und hatte eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine Suchterkrankung.

Die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Depression und Religiosität ist im Vergleich zu allen anderen Diagnosegruppen am weitesten fortgeschritten. Elf der 19 Studien untersuchen eine geriatrische Population, vier behandeln Jugendliche, vier weitere Studien Erwachsene. Vier Studien untersuchen Depressionen bei körperlichen Erkrankungen, zwei weitere untersuchen religiöses Coping bei depressiven Patienten. Zwei Publikationen weisen eine ausschließlich weibliche Population auf und zwei untersuchen die Mutter-Kind-Beziehung bei Depression und Religiosität. Fünf der 19 Studien untersuchen psychiatrische Patienten. Die meisten Studien aber sind repräsentative Querschnittsuntersuchungen über die Prävalenz der Depression. 16 der 19 Studien finden eine statistisch signifikante negative Korrelation zwischen Religiosität und Depression, also weniger Depression bei mehr Religiosität. Die drei übrigen Studien, fanden gemischte Resultate, also positive wie negative Korrelationen der Depression mit Religiosität.

Top-Studien, die Religiosität bei den neurotischen Störungen messen, sind selten. Eine Studie ist den Angststörungen zugeordnet, zwei Untersuchungen wurden für Anpassungs- und Belastungsstörungen identifiziert. Keine Studie wurde publiziert über Religiosität bei Phobischen Angst-Störungen, Zwangsstörungen, Dissoziativen Störungen oder Somatoformen Störungen. Der malaysische Forscher Zain Azhar und seine Mitarbeiter führten 1994 eine prospektive, kontrollierte Studie bei religiösen muslimischen Patienten mit einer Generalisierten Angststörung durch. Die Interventionsgruppe erhielt die „religiöse Psychotherapie“ zusätzlich zur konventionellen Psychotherapie und Anxiolytika und hatte so mehr Zuwendung als die Kontrollgruppe. Die Interventionsgruppe war signifikant schneller angstfrei. Dieselbe Arbeitsgruppe beobachtete in der „religiösen“ Gruppe nach sechs Monaten ein signifikant besseres Outcome als in der Kontrollgruppe. Eine der interessantesten Studien der letzten 20 Jahren kommt von israelischen Forschern. Die Arbeitsgruppe zeigte, dass die hochreligiösen jüdischen Bewohner des Gazastreifens am seltensten krankhafte Traumafolgen (PTSD) zeigten, obwohl bei ihnen am meisten traumatisierende Gewalterfahrungen zu explorieren waren. Die säkularen, nicht-religiösen Einwohner von Tel-Aviv hingegen hatten die wenigsten Traumata, aber die meisten PTSD-Symptome. Bei der gemischten Bevölkerung der Westbank waren umso mehr PTSD-Symptome zu finden, je niedriger die Religiosität war.

Die berühmte Larson-Arbeit, die die Jahre 1978 bis 1989 analysierte, kommt ungeachtet der methodischen Unterschiede genauso auf über 70 Prozent positive Effekte von Religiosität auf die psychische Gesundheit wie die Analyse der 20 Folgejahre. Präziser formuliert finden sich bei 74,4 Prozent der publizierten Studien, die nach einer replizier- und kontrollierbaren Methode selektiert wurden (nämlich ausschließlich Originalarbeiten aus den Top 25 Prozent der psychiatrischen Journale), eine statistisch signifikante Korrelation zwischen Religiosität und besserer psychischer Gesundheit.
Man kann heute festhalten, dass bei drei psychiatrischen Diagnosegruppen – Depression, Suchterkrankungen und Suizidalität – eine statistisch signifikante Korrelation zwischen Religiosität und besserer psychischer Gesundheit besteht. Weiter gibt es eine gewisse wissenschaftliche Evidenz bei neurotischen Störungen und organischen psychischen Störungen, dass eine statistisch signifikante Korrelation zwischen Religiosität und besserer psychischer Gesundheit besteht. Ungenügende Evidenz findet sich bei der Bipolaren Störung und beim schizophrenen Formenkreis aufgrund der niedrigen Qualität der wenigen vorliegenden Studien und den widersprüchlichen Ergebnissen. Keine Evidenz gibt es über den Zusammenhang von Religiosität und Essstörungen, Sexualstörungen, Phobien, Zwangserkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, somatoformen Störungen und dissoziativen Störungen.

Das Vorurteil, dass Religiosität generell einen negativen Einfluss auf die Psyche habe (Sigmund Freud, Jean Charcot) oder dass keine wissenschaftlichen Studien zeigen würden, dass Religion der seelischen Gesundheit zuträglich wäre (Victor D. Sanua) kann heute als unwissenschaftlich und obsolet beiseitegeschoben werden.

Der Artikel erschien in der deutschen Tagespost.