Verstehen – Wollen – Fühlen

Verzeihung als optimale Form des Loslassens von erlittenem Unrecht beschreibt einen Prozess, der im Wesentlichen drei Schritte bzw. Ebenen braucht: Erstens ist die Erkenntnis nötig, dass man auch selbst Fehler macht. Erst dadurch wird man bereit, auch dem Täter falsches Handeln zugestehen zu können. Zweitens muss man vergeben wollen: Man braucht eine Portion Großmut, um tatsächlich in einer gröberen Sache „Schwamm drüber!“ sagen zu können. Erst an dritter Stelle schwingt sich die Emotion auf die Vergebung ein. Also: erstens Verstehen, zweitens Wollen und drittens Fühlen. Zu allen drei Schritten gibt es heute konkrete Forschungsergebnisse.

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Demut und Religiosität helfen Krisen zu bewältigen

VISION 2000: Als Psychotherapeut haben Sie vermutlich viel mit Menschen zu tun, die sich in einer Krise befinden. Was kennzeichnet menschliche Krisensituationen?

Bonelli: Es ist gut, folgendes klarzustellen: Ich sehe die Patienten in drei verschiedenen Situationen: bei endogenen psychischen Störungen, die durch den Gehirnstoffwechsel zustande kommen. Sie werden klassischer Weise nicht als Krisen bezeichnet …

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Wer sich Kränkungen immer wieder in Erinnerung ruft, blutet ewig

Weil der Verbitterte sich als Opfer sieht, sollen die anderen etwas ändern. Es fehlt das Gefühl von Versöhnlichkeit. Der Therapiewille ist nach Beobachtung der Forscher meist nicht sonderlich ausgeprägt. Ziel einer Behandlung ist daher, Einsicht zu fördern, dass schwierige Lebenssituationen angemessen bewältigt werden können, wenn sie relativiert werden. Als Technik kann ein Perspektivenwechsel helfen, bei dem der Patient sich in einem Rollenspiel die Sicht aller Beteiligten zu eigen macht. Therapieziel ist, dass der Verbitterte sich mit sich versöhnt, nicht in der Vergangenheit der Demütigung stecken bleibt, um die Rolle des Opfers abzulegen. Wer sich Kränkungen immer wieder in Erinnerung rufe, blute ewig, sagt der österreichische Psychiater Raphael Bonelli, der darauf hinweist, dass es vergleichsweise wenig Forschung zur Verbitterung gebe, obwohl die Erkrankung schwerwiegend sei wie eine Depression. Wenn man Verbitterten widerspiegeln könnte, dass Versöhnung eine eigene Entscheidung sei, wäre viel geholfen.

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Die Hälfte der gesunden Menschen in jüngerer Vergangenheit hatte ein Verbitterungserlebnis

Jeder Mensch wisse, was Verbitterung ist und jenseits der zu behandelnden Fälle habe die Hälfte der gesunden Menschen in jüngerer Vergangenheit ein Verbitterungserlebnis gehabt, einhergehend mit zerstörerischen Emotionen, depressiver Stimmung,  Hoffnungslosigkeit und Angst. Als Kernkriterien der Verbitterung nannte Bonelli ein einmaliges, schwerwiegendes negatives Lebensereignis sowie die Tatsache, dass der Patient seinen heutigen Zustand subjektiv als Konsequenz aus diesem Trauma interpretiert und dieses Lebensereignis als „ungerecht“ einordnet und hochemotional reagiert, wenn die Sprache darauf kommt. Meist nehme sich der Patient als hilfloses Opfer wahr und sehe sich nicht in der Lage, das Ereignis und seine Ursache zu bewältigen.

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Überwinden kann man Verbitterung nur durch Loslassen

Posttraumatische Verbitterungsstörungen bilden sich infolge von Ereignissen, die Menschen in ihren zentralen Lebensbereichen betreffen, so Raphael Bonelli, Psychotherapeut und Koordinator der Tagung: „Das kann eine Kündigung sein, die nach jahrelanger Tätigkeit am selben Arbeitsplatz erfolgt, die Trennung in einer Partnerschaft oder auch gebrochene Treue“. Betroffene fühlten sich häufig ungerecht behandelt „und sehen nur, dass es den anderen besser geht“. Aus dem ständigen Hadern mit dem widerfahrenen Schicksal könne sich eine lang anhaltende psychische Krankheit entwickeln. Überwinden könne man Verbitterung nur durch Loslassen, so Bonelli: „Verbitterte wollen die absolute Gerechtigkeit hier und jetzt erleben. Man kommt jedoch erst durch die Erkenntnis weiter, dass diese Gerechtigkeit nicht existiert und alles Erlebte bloß relativ ist.“

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Die Psychotherapie entdeckt die Vergebung als Heilmittel gegen die Verbitterung

VISION 2000: Welchen Stellenwert hat Vergebung in der Psychotherapie?

Bonelli: Der Psychiater ist sehr häufig mit dem Thema konfrontiert. Allerdings wurde Schuld in der Psychotherapie jahrzehntelang meist nur pathologisiert. Man hat gesagt: Deine Schuldgefühle sind ein Zeichen von Krankheit, von Wahn, Einbildung, von Depression… Daher war man bemüht, dieses Gefühl irgendwie wegzubekommen. Zweifellos gibt es aber auch pathologische Schuldgefühle – etwa beim Skrupel.

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Verbittern oder vergeben?

kath.net: Herr Dozent, wieso ist Verbitterung das nächste Thema Ihrer Tagungsreihe nach den Themen „Schuldgefühl“ und „Liturgie“?

Bonelli: Nun, einerseits kann ich in meiner Praxis sehen, wie weit verbreitet die Verbitterung heute ist. Das Thema ist brandaktuell. Die Diagnose der „posttraumatischen Verbittungsstörung“ wurde erst kürzlich in Berlin wissenschaftlich beschrieben. Der bekannte Autor, Michael Linden, kommt übrigens auch als Referent zu unserer Fachtagung.

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