Freiheit durch Bindung? Selbstverwirklichung in Gehorsam?

Ordnung, Gehorsam und Selbstüberwindung sind laut Bonelli wichtige Stufen auf dem Weg zur Freiheit. In allen großen Religionen spiele der Gehorsam eine wichtige Rolle, weil erst durch die Spannung zwischen Sein und Sollen eine menschliche Entwicklung möglich sei. Bonellis Resümee: „Wir jammern heute über das Sollen, weil wir eine Gesellschaft von Perfektionisten sind, die die Spannung von Sein und Sollen nicht aushalten.“ Um diese Differenz zu akzeptieren bedürfe es der Demut.

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Selbstverwirklichung und Gehorsam

mehr: Was war der Auslöser bzw. die Idee, diese Fachtagung zu veranstalten?

Univ.-Doz. Dr. Raphael Bonelli: Das Anliegen aller Veranstaltungen des Institutes für Religiosität in Psychiatrie & Psychotherapie (RPP) ist eine Versöhnung von Religiosität als essentiellen Teil des Menschseins mit dem psychologischen Forschen und Handeln. Dazu werden stets aktuelle Themen, die in beiden Gebieten eine wichtige Rolle spielen, aufgegriffen und einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen. Gerade bei „heißen“ Themen, die „unter den Nägeln brennen“, können so Sachlichkeit und Ausgewogenheit in die Diskussion eingebracht werden; neue Aspekte und oft unterrepräsentierte Schwerpunkte tragen dazu bei, die eigene Sichtweise und damit auch die Meinungsbildung zu erweitern.

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Ohne Gehorsam geht es nicht

VISION 2000: Sie veranstalten die Tagung zu „Selbstverwirklichung & Gehorsam“. Ist da die Antwort der Psychotherapie nicht ohnedies klar: Gehorsam – nein, Selbstverwirklichung – ja?

Univ. Doz. Raphael Bonelli: Ja und nein. Es gibt in der Psychologie und Psychotherapie eine Diskussion rund um den Gehorsam. Nach dem 2. Weltkrieg wurde besonders in den USA die Frage aufgeworfen: War der Nationalsozialismus ein rein deutsches Problem? Könnte Ähnliches in den USA geschehen? Auf diesem Hintergrund kam es 1961 zu den berühmten Milgram-Experimenten: Leute von der Straße wurden eingeladen, bei einem Test mitzumachen: Ein Lehrer (von einem Schauspieler dargestellt) stellt Fragen an einen Schüler (ebenfalls ein Schauspieler). Gibt dieser eine falsche Antwort, soll er durch einen Stromstoß, den die Versuchsperson auf Anordnung des Lehrers zu geben hat, bestraft werden. Die Stromstöße werden bei jedem weiteren „Fehler“ verstärkt. Getestet wurde, wie autoritätsgläubig der Mann von der Straße ist und sogar gegen sein eigenes Gewissen handelt. Das Ergebnis: Übte der Versuchsleiter (der Lehrer) viel Druck aus, gab eine Reihe von Versuchspersonen lebensgefährliche Stromstöße, was die „bestraften Schüler“ auch ausdrucksstark simulierten. So zeigte sich: „blinder“ Gehorsam ist kein rein deutsches Phänomen. Diese und ähnliche Versuche prägten die Vorstellung vieler Psychotherapeuten: Gehorsam ist schlecht.

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Ein Plädoyer für den Zölibat aus Sicht der Psychologie

Wer als Psychologe forscht und arbeitet, weiß, dass die zölibatäre Lebensform wie die Ehe dem Menschen alle Möglichkeiten gibt, an Leib und Seele gesund und glücklich zu leben – weil diese Entwürfe auf Verbindlichkeit angelegt sind. Eine Widerlegung gängiger Verdächtigungen des Zölibats

von Raphael M. Bonelli

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