auserlesen: Narzissmus und Perfektionismus

Das Interview fand in der Serie „auserlesen – Menschen und Geschichten“ des Hope Channel statt.

Hauptsache perfekt? Warum es so wichtig ist, lockerzulassen

Wie entkommen wir der Perfektionismusfalle? Der erste Schritt ist, den Perfektionismus zu durchschauen und zu benennen. „Es geht um das langsame Erarbeiten von Sprache. Die Klienten lernen, das, was sie erleben, in Worte zu bringen“, sagt Bonelli. Es gehe um Selbsterkenntnis: ‘Aha, so bin ich also.’ Und dann um die Entscheidung: ‘Ich will nicht so sein. Ich will diese oder jene Angewohnheit ablegen und durch eine andere, nützliche ersetzen.’ Danach gehe es darum, die ausgewählte Gewohnheit auch im Alltag zu üben und letztlich zu festigen.

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Um sich selbst kreisende Liebe

Wie sehen Sie das bei Hillary Clinton, seiner ehemaligen Konkurrentin, deren Traum zerplatzt ist?

Auch sie war nicht bei mir in Behandlung. Doch sehe ich bei ihr ähnliche Züge. Beide kreisten bei ihren Auftritten um sich selbst. Sie zeigte aber mehr kaltes Kalkül und kippte teilweise in die Perfektionistenfalle. Bei Frauen besteht eher diese Gefahr. Aber: Doppelt so viele Männer als Frauen sind Narzissten. Der Unterschied: Ein Perfektionist hat kein Charisma. Er ist unecht und durchaus angstvoll („Bin ich gut genug?“), hat eine Maske auf und ist berechnend. Der Narzisst hingegen ist charismatisch, emotional und zeigt, wie er wirklich ist. Das ist den Leuten irgendwie sympathisch. Wo der Perfektionist angespannt wirkt, genießt der Narzisst hingegen das „Schauen Sie mich an“. Viele sagten ja im Wahlkampf, „Hillary ist das kleinere Übel“. Ich denke schon, dass viele Hillary gewählt haben, um Trump zu verhindern. Aber wenige argumentierten: „Hillary ist die Beste.“ Das Ergebnis haben wir seit dem 9. November vorliegen.

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Männlicher Narzissmus: „Wir leben in einer Zeit der Selbsterhöhung“

Der Vorgesetzte oder ein cholerischer Kollege werden heutzutage schnell als „Narzisst“ abgestempelt. Wird dieser Begriff inflationär gebraucht?

Ja, da haben Sie recht. Ich habe deswegen einen Fall ins Buch aufgenommen, in dem eine Frau von ihrem furchtbar narzisstischen Mann berichtet, der sich dann schnell als Choleriker herausstellt. Er entschuldigt sich nach dem Anfall ganz zerknirscht.

„Narzissmus“ wird oft benutzt, um den anderen schlecht zu machen. In der Paartherapie empfehle ich den Ehepaaren zuallererst, ohne gegenseitige Diagnosen auszukommen, weil man so dem anderen viel besser zuhören kann.

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Total verknallt in sich selbst

Was den Mann zum Narzissten macht, bleibt umstritten. Eines ist für Bonelli aber klar: „Es ist keine genetische Erbkrankheit, sondern großteils erworben.“ Und damit wagt sich der Autor auf gefährliches Terrain. Er legt dar, wie schon aus Kleinkindern heutzutage Majestäten gemacht werden, behandelt wie kleine Erwachsene, grenzenlos überhöht in ihrer Bedeutung, überhäuft mit Lob bei jeder Gelegenheit. Das steigert in den jungen Menschen das Gefühl, jemand ganz Besonderer zu sein – ein idealer Nährboden für angehende Narzissten. „Die Überbewertung beginnt bei der Geburt des Kindes“, stellt Bonelli trocken fest. „Den Kindern werden immer ausgefallenere und auffälligere Namen gegeben.“ Aus der Masse hervorstechen von Anfang an.

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Narzissmus: Der Mann, der nur sich selbst liebt

Interview auf der Webseite www.wissenschaft.de

Humor in dieser, Freude in der kommenden Welt

Der Wiener Psychiater, Neurologe, Bestsellerautor und RPP-Gründer Raphael Bonelli sieht Humor als Begabung des Menschen, mit heiterer Gelassenheit zu reagieren. Wenn eine gute Beziehung zwischen Therapeut und Patient bestehe, sei Humor in der Psychotherapie eine „extrem effiziente und angenehme Art zu kommunizieren“, meinte Bonelli. Das gemeinsame Lachen ermögliche Begegnung auf Augenhöhe. Der „Humor des Herzens“ sei die innere Haltung, über sich selbst lachen zu können und dann anderen Gutes zu wollen, also „den inneren Narzissten zurück zu stellen“. Im guten Humor wachse der Mensch also über sich hinaus. Bonelli markierte aber auch Grenzen des Humoristischen: „Das Heilige ist nicht lustig. Vor dem Heiligen braucht man Respekt, Ehrfurcht. Fehl am Platz ist der Pfarrer, der während der heiligen Handlung Witze erzählt.“ Bonelli nannte dies „angebrachte Humorlosigkeit“. Unangebrachte Humorlosigkeit sei im Gegensatz dazu, „dass man etwas für heilig hält, was nicht heilig ist“. Der Depressive oder der angsthaft um sich selbst kreisende Perfektionist könne nicht lachen, der Narzisst nur auf Kosten anderer.

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Erschreckende Entwicklung: Der krankhafte Narzissmus steigt bei Kindern und Jugendlichen unaufhaltsam an

Der krankhafte wie der grenzwertige Narzissmus steigt bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen seit den Achtzigerjahren unaufhaltsam an, insbesondere in der westlichen Welt.

In der bedeutendsten Studie von Jean Twenge, Psychologieprofessorin an der San Diego State University, die mit ihrem Team von 1979 bis 2006 etwa 17 000 Studenten beobachtet und befragt haben, kann man klar feststellen, dass es über die Jahre am Narcissistic Personality Inventory (siehe Anhang) zu einem regelrechten Hinaufschnellen der Narzissmuswerte kam.

Im Jahr 2006 sind zwei Drittel der Studenten über dem Durchschnitt der Jahre 1979 bis 1985 – das ist eine 30-prozentige Zunahme. Der Anstieg der Narzissmuswerte geht einher mit einer ebensolchen Zunahme an Selbstbewusstsein, Durchsetzungskraft, Selbstwertgefühl und Extraversion.

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Selbstverliebte Politiker: Ist Trump ein Narzisst?

Donald Trump sagt: „Ich bin der einzige, der unsere Probleme lösen kann.“ Muss man Narzisst sein, um so etwas zu sagen?

Man muss natürlich berücksichtigen, dass viele Wähler in den USA gern vollmundige Äußerungen hören. Donald Trump hat mit seiner unverschämten Selbstverliebtheit Erfolg – sonst wäre er ja nicht Präsidentschaftskandidat der Republikaner geworden. Muhammad Ali hat sich in den USA als „der Größte“ bezeichnet und die Leute haben ihn dafür geliebt. Ob das bei Trump eine Masche ist oder ob es tief in ihm steckt, kann man von außen nicht sagen. Er riskiert jedenfalls sehr viel, wenn er sich so präsentiert. Denn narzisstische Symptome ziehen viele Leute an, aber sie stoßen auch viele ab. Narzissmus polarisiert. Ein Narzisst hat starke Fans und starke Gegner.

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Das große Ich bin Ich

Ein berühmtes Kinderbuch heißt „Das kleine Ich bin Ich“. Könnte man sagen, der Narzisst
ist das große Ich bin Ich?

Der Narzisst kreist um sich selbst und liebt sich selbst mit einer exklusiven Liebe, mit der man eigentlich nur einen anderen Menschen lieben kann. Sigmund Freud sagt, der Narzisst nimmt seine Libido vom Du, vom anderen weg und richtet sie nur auf sich selbst.

Das spürt man, sobald ein solcher Mensch bei der Tür hereinkommt. Ich merke binnen weniger Minuten,wie selbstverliebt manche Männer sich darstellen und wie begeistert sie von allem sind, was sie an Weisheiten in den Raumstellen.

Diese Begeisterung kann im günstigen Fall ansteckend sein. Deshalb haben Narzissten manchmal ein großes Charisma, dem viele nachlaufen. Das würde ich bei Cristiano Ronaldo durchaus so sehen.

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Gelassenheit: Erkennen, was mir guttut

Was tut unserer Psyche denn überhaupt nicht gut?

Zu viel Streben nach Perfektion. Das steckt in uns allen und ist zunächst völlig normal. Wir haben Ideale, Ziele. Wollen uns weiterentwickeln. Doch wenn allmählich die Angst im Vordergrund steht, Fehler zu machen, dann wird’s ungesund. Ein Perfektionist definiert sich zu sehr durch die eigene Leistung. Er will tadellos sein, weil er Angst vor dem Tadel hat. Er kann nicht glauben, dass er – so wie er ist – genügt. Ich sage immer zu meinen Patienten: „Sie sind ja kein Kunstwerk. Das braucht Wertschätzung, sonst ist es nichts wert. Ein Mensch ist immer etwas wert. Immer.“

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Männer, die verliebt um sich selbst kreisen

Zuletzt hat sich der Autor mit dem Perfektionisten beschäftigt. Dass er jetzt das Psychogramm des narzisstischen Mannes zeichnet, ist gewiss kein Zufall, werden doch Perfektionismus und Narzissmus gern miteinander verwechselt. Bonelli arbeitet aber den Unterschied klar heraus: Der Perfektionist kreist angstvoll um sich selbst, der Narzisst kreist verliebt um sich selbst. Und das dauerhaft: „Eigenliebe ist der Beginn einer lebenslangen Romanze“, sagte Narzisst Oscar Wilde.

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Tischgespräch mit Psychotherapeut Raphael M. Bonelli

Beitrag in der Sendung Tischgespräche des Westdeutschen Rundfunks

Das Ende des Selbstbetrugs

Immer wieder kommen Patienten in die Therapiestunden und sagen gleich nach der Begrüßung, kaum dass sie die Couch auch nur berühren: „Also, Herr Doktor, zuerst muss ich etwas beichten: Ich habe letzte Woche…“. Meist „beichten“ sie dann gebrochene Vorsätze, die sie in der vergangenen Therapiestunde gefasst hatten: der Student, der eigentlich in der Früh aufstehen wollte, die Übergewichtige oder der Kaufsüchtige, die rückfällig wurden. Ja, ein überzeugt atheistischer Pornosüchtiger „beichtete“ mir kürzlich sogar, dass er seit der letzten Therapiestunde „gesündigt“ (sic!) habe. Auf meinen fragenden Blick antwortete er mit einem charmanten Schmunzeln, dass eben auch Atheisten sündigen können.

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Psychiater: Schamgefühl ist wichtig für die Persönlichkeit

Scham sei ebenso wie Schuld und Schmerz ein Gefühl, das Unstimmigkeiten anzeige, dabei aber kognitiv überprüft werden müsse, da es zu Recht oder auch zu Unrecht bestehen kann, so Bonelli. In der Psychologie sei das Schamgefühl in den vergangenen Jahrzehnten nur in seiner übertriebenen, pathologischen Form gesehen worden. Diese gebe es durchaus. „Ein Zuviel kann sich in Störungen des Essverhaltens oder des Körperbildes äußern.“ Besonders Mädchen würden sich oft zu Unrecht für zu dick halten und sich aus Scham verstecken; ähnlich würden die meisten Schönheits-OPs auf bloße Einbildungen eines fehlgeformten Körpers zurückgehen.

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Dem Sex im Netz verfallen

Männer können süchtig werden nach Pornos aus dem Netz. Zwei Prozent aller Konsumenten solcher Inhalte sind davon betroffen. Das klingt nach wenig, ist es aber nicht. Experten beziffern die Zahl der Internet-Sexsüchtigen in Deutschland mit 400.000 Personen; in Österreich dürfte es ein Zehntel davon sein, immer noch 40.000 an der Zahl. „Fast jede Woche kommt ein Patient zu mir, der sich befreien möchte vom Zwang, sich ständig Sexfilme anzusehen“, berichtet Bonelli aus seiner Praxis. Ein Muster für besonders anfällige Männer erkennt er nicht. „Es kann jeden erwischen, ganz unabhängig davon, wie sein gesellschaftlicher Hintergrund aussieht.“

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Die Macht der Kränkungen

2003 wurde das psychiatrische Diagnose-Handbuch erstmals mit dem Begriff „posttraumatische Verbitterungsstörung“ bereichert, die, so der Wiener Psychotherapeut Raphael Bonelli, nach Kränkungen wie einer zu Unrecht empfundenen Kündigung, falschen Beschuldigungen, Mobbing und Beziehungstrennungen entstehen kann. Das Wesen dieser Störung, die sich in Depressionen, sozialer Isolation bis hin zum Selbstmord manifestieren kann, zeige sich in der Unfähigkeit des Betroffenen, „eigene Schuldanteile zu erkennen und zu verzeihen“. Bonelli: „Solche Menschen sehen nur das Unrecht, das ihnen widerfahren ist, sie sind grundbeleidigt und entwickeln eine generelle Bockigkeit dem Leben gegenüber.“ Die größten Risikogruppen für eine solche Störung wären Narzissten und Perfektionisten, die sich selbst nur Lebensberechtigung im Job attestieren und von Lob und Applaus überdimensional abhängig sind.

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Ideale Ergänzung

Bonelli drückt es ironisch so aus: «Sie hat die Wahrnehmung, kann sie aber nicht immer deuten. Er hat die Wahrnehmung nicht, könnte sie aber deuten.» Männer könnten vom «emotionalen Coaching» der Frauen viel profitieren. Derzeit schreibt Bonelli an einem Buch über männliche Narzissten. Diese verachteten Frauen – und könnten deshalb auch nicht auf diese weiblichen Ressourcen zurückgreifen. Umgekehrt stünden Frauen auf die Systematisierungsfähigkeiten des männlichen Geistes: «Frauen wollen geordnet werden.» Das habe Sex-Appeal. Verwische man diese Unterschiede, negiere man auch die ­Qualitäten der Geschlechter.

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