Vergebung ist eine sehr effektive Form seine Traumata zu überwinden

Sonntagsblatt: Verletzung – Verbitterung – Vergebung: Warum ist das Thema aktuell?

Bonelli: Grund ist die erhöhte Verletzbarkeit und Kränkbarkeit des heutigen Menschen. Aus dem ständigen Kreisen um das ihm widerfahrene Schicksal kann sich eine manifeste psychische Krankheit entwickeln. Alles Unglück wird auf ein Unrecht in der Vergangenheit zurückgeführt, das nicht mehr änderbar ist, das aktiv in Erinnerung gehalten wird und in dessen Wunden ständig gewühlt wird.

Warum tut sich der Mensch mit dem Vergeben schwer?

Bonelli: Es fällt viel leichter, sich als Opfer zu erkennen als als Täter. Oft sehen sich beide Seiten eines Konflikts als Opfer. Sie sind so tief in der Opferrolle drinnen, dass sie gar nicht erkennen können, dass auch sie schuldig geworden sind. Dieses Faktum ist in der Psychotherapie früher oft ausgeblendet worden. Daher war auch das Thema Vergebung schwer zu behandeln. Es ist aber für Patienten ein wichtiges Aha-Erlebnis, wenn sie merken: Auch ich handle nicht immer richtig und gut; auch ich werde schuldig.

Warum ist Vergebung notwendig?

Bonelli: Vergebung ist eine sehr effektive Form, das Vergangene loszulassen und damit seine Traumata zu überwinden. Es ist wichtig, vergeben zu lernen, weil jeder von uns dauernd an anderen schuldig wird. Es ist eine Lebensfrage, wie man mit erlittenem Unrecht umgeht. Die einzig gute Art ist, dass man die Kränkungen, die andere einem zugefügt haben, loslässt und sie sich nicht dauernd in Erinnerung ruft.

Wie weit ist der Mensch selbst für seine Verbitterung verantwortlich?

Bonelli: Die lange, manchmal sogar lebenslange Dauer der Verbitterung kommt dadurch zustande, dass Betroffene oft in einer passiven Opferrolle verharren. Es bildet sich eine Unversöhnlichkeit, die das Verstehen der anderen Seite unmöglich macht. Aus Trotz gehen viele nicht in Therapie, sondern verbohren sich im eigenen Unglück. Das hat zwar den Effekt, dass das Umfeld Mitleid bekundet, doch bietet das bloß eine bittere und kurze Befriedigung. Zudem verstärkt Mitleid in diesem Fall bloß die passive Haltung und erschwert aktive Änderungen.

Das Interview wurde in der Wochenzeitung der Diözese Graz-Seckau Das Sonntagsblatt veröffentlicht.