Ein Psychiater kann Bosheit nicht messen

Die Tagespost: Was könnte im Kopf dieses Kopiloten vor sich gegangen sein, der in den selbst gewählten Tod 149 Menschen mitriss?

Raphael M. Bonelli: Man kann in einen anderen nie ganz hineinschauen. Erkennbar ist die Suizidabsicht eines Menschen, der sein Leben nicht alleine beenden will: Andere Menschen sollen mit ihm zu Tode kommen, und es soll möglichst spektakulär sein. Dieser Mensch hat es geschafft, mit seinem Abgang aus dem Leben einen unheimlichen Lärm zu machen. Das weist auf eine narzisstische Persönlichkeit hin, auf brüchigen Selbstwert, starke Verletzbarkeit, Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen. Diese Dimension der Rücksichtslosigkeit, die man auch Bosheit nennen kann, sehen wir bei pathologischen Narzissten.

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Lebst du schon? Oder bist du noch perfekt?

Psychologen unterscheiden zwischen einem gesunden „funktionalen“ und einem ungesunden „dysfunktionalen“ Perfektionismus. Der gesunde Perfektionist strebt danach, seine Sache gut zu machen. Er verfolgt seine Ziele gewissenhaft, freut sich über positive Ergebnisse, gesteht sich aber auch zu, auf dem Weg dahin nicht alles richtig zu machen. Fehler sind für ihn kein Weltuntergang, er kann loslassen und umdisponieren, wenn er merkt, dass ein Ziel nicht erreichbar ist. Der ungesunde Perfektionist dagegen ist abhängig von der Anerkennung durch andere und hat ständig Angst, zu versagen. Er legt die Latte hoch, unabhängig davon, ob das Ziel überhaupt realistisch ist. Gleichzeitig hat er panische Angst, Fehler zu machen und den Erwartungen nicht zu genügen. Solche dysfunktionalen Perfektionisten sind in einer Dauerbewährungssituation. Es geht ihnen um „Unangreifbarkeit“, wie der österreichische Therapeut Raphael Bonelli in seinem neuen Buch schreibt. „Perfektionismus ist ein Vermeidungsverhalten: Wer perfekt arbeitet, kann weder getadelt noch kann ihm gekündigt werden.“

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„Was uns nicht fehlt, ist ein Mehr an Ich“

RPP-Direktor Bonelli fasste die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Perfektionismus zusammen. Gesund und gut sei es, nicht nach dem Mittelmäßigen, sondern nach Perfektion zu streben. Ungesund und neurotisch jedoch sei der zwanghafte Perfektionismus als ich-haftes und angstvolles Kreisen um sich selbst. Perfektionismus sei ein Vermeidungsverhalten, geprägt von der Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit. Gesund sei es, die Spannung zwischen dem eigenen Ist-Stand und dem Soll zu erkennen, und in Gelassenheit auszuhalten. Beim Perfektionisten werde dass Soll jedoch zum Muss, die eigene Fehlerhaftigkeit halte er nicht aus.

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