Ohne Gehorsam geht es nicht

VISION 2000: Sie veranstalten die Tagung zu „Selbstverwirklichung & Gehorsam“. Ist da die Antwort der Psychotherapie nicht ohnedies klar: Gehorsam – nein, Selbstverwirklichung – ja?

Univ. Doz. Raphael Bonelli: Ja und nein. Es gibt in der Psychologie und Psychotherapie eine Diskussion rund um den Gehorsam. Nach dem 2. Weltkrieg wurde besonders in den USA die Frage aufgeworfen: War der Nationalsozialismus ein rein deutsches Problem? Könnte Ähnliches in den USA geschehen? Auf diesem Hintergrund kam es 1961 zu den berühmten Milgram-Experimenten: Leute von der Straße wurden eingeladen, bei einem Test mitzumachen: Ein Lehrer (von einem Schauspieler dargestellt) stellt Fragen an einen Schüler (ebenfalls ein Schauspieler). Gibt dieser eine falsche Antwort, soll er durch einen Stromstoß, den die Versuchsperson auf Anordnung des Lehrers zu geben hat, bestraft werden. Die Stromstöße werden bei jedem weiteren „Fehler“ verstärkt. Getestet wurde, wie autoritätsgläubig der Mann von der Straße ist und sogar gegen sein eigenes Gewissen handelt. Das Ergebnis: Übte der Versuchsleiter (der Lehrer) viel Druck aus, gab eine Reihe von Versuchspersonen lebensgefährliche Stromstöße, was die „bestraften Schüler“ auch ausdrucksstark simulierten. So zeigte sich: „blinder“ Gehorsam ist kein rein deutsches Phänomen. Diese und ähnliche Versuche prägten die Vorstellung vieler Psychotherapeuten: Gehorsam ist schlecht.

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