In der Kommunikation mit dem Schöpfer die eigene Enge überschreiten können

Tiroler Tageszeitung: Welchen Vorgang stellt Beten aus psychiatrischer Sicht dar?

Bonelli: Beten ist eine Form der transzendenten Kommunikation, Ausdruck persönlicher Religiosität. Als Psychiater beschäftigen wir uns zwar nicht mit der Frage, ob Gott existiert, aber Religiosität ist in der modernen Psychiatrie heute schon ein hilfreicher Faktor. Auch ist für uns nicht wichtig, wie genau der Patient betet, aber dass er betet, ist relevant. Im Gebet stellt sich der Mensch nämlich in eine transzendente Beziehung, bei der er Geschöpf ist und sein Ansprechpartner der Schöpfer. Damit gibt es noch ein höheres Korrektiv als die eigene Selbstgerechtigkeit. Dieser Gebetsvorgang ist normaler-weise eben kein narzisstisches Selbstgespräch sondern Austausch, ein sich Anvertrauen und Hören auf jemanden, der es gut mit einem meint. Die positiven Affekte Geborgenheit, Vertrauen und Intimität schwingen in der Regel mit. Als Therapeut habe ich den Eindruck, dass wahrhaft betende Menschen leichter therapierbar sind, weil sie es gelernt haben, zuzuhören und sich selbst zu hinterfragen.

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Menschen, die in die Kirche gehen, leben anders

Bonelli ist aber weniger religiöser Phantast, vielmehr stützt er sich als Psychotherapeut auf rein Wissenschaftliches. „Ich glaube nicht, dass Gott direkt eingreift und jene länger leben lässt, die brav beten.“ Was ja auch unlogisch wäre. Schließlich verspreche Religion kein kurzfristiges Glück auf Erden. Seine Theorie: „Menschen, die in die Kirche gehen, leben auch anders. Sie trinken vielleicht weniger, begnügen sich mit einem Ehepartner, meiden Hass, Egoismus und Habgier, leben weniger ausschweifend.“ Für Bonelli alles Fakten, von denen man ja wisse, dass sie die Gesundheit fördern.

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