Die Beziehungsfähigkeit ist nicht da.

Der Psychiater und Neurologe Raphael Bonelli, Initiator und Kopf des RPP, unterschied drei Formen der Internetsucht: Soziale Netzwerke und Chatrooms, Rollenspiele und Pornographie. Bei der Sucht komme es zu einem exzessiven Gebrauch bis zum Verlust des Zeitgefühls und der Vernachlässigung basaler Bedürfnisse, zu Entzugssymptomen und stetiger Dosissteigerung, zu einem Leistungsabfall und gestörter sozialer Interaktion. Bonelli analysierte die unterschiedlichen Paraphilien (früher Perversionen genannt), denen eine Neigung zur viel impulsiveren, dranghaften Hypersexualität gemeinsam sei: „Die Beziehungsfähigkeit ist nicht da. Es geht nur um die Lust.“

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Die Medizin hatte die Theologie als Deutungsmacht abgelöst

Raphael Bonelli, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, berief sich hingegen auf die Studien des bekannten Sexualforschers Volkmar Sigusch, der bis vor einigen Jahren noch ein Gegner des Konzepts von Sexsucht war und meinte, Sexsucht sei eine reine Erfindung der Medien. „Es gibt inzwischen eine sexuelle Süchtigkeit, die mit den Darbietungen von sexuellen Darstellungen im Internet zu tun hat. Eine ganz neue Form der sexuellen Sucht“, zitierte Bonelli Sigusch, der allmählich seine Meinung zu diesem Thema geändert hat. „Die Medizin hatte die Theologie als Deutungsmacht abgelöst – früher galt Sex als sündhaft, dann als krank“, zitierte Bonelli den Sexualforscher weiter und erklärte, dass die „Entkriminalisierung von Sittlichkeitsdelikten“ dazu führte, dass man sie pathologisiert habe.

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Zölibat

Livesendung über Grenzfragen zwischen Psychiatrie und Spiritualität auf Radio Maria

Tabus verhindern Untersuchung der Sexsucht

Während sich die Forschung zur suchtartigen Internetnutzung bisher auf Gaming und Chat konzentriert, kommt die Sucht nach Cybersex erst langsam ins Gespräch. „Es ist noch nicht geklärt, ob es sich dabei um eine nicht-substanzgebundene Sucht, einen Zwang, oder eine gestörte Impulskontrolle handelt“, berichtet Bonelli. Das Zögern der Wissenschaft sei jedoch auch damit verbunden, dass das Konzept der Sexsucht Tabus hinterfrage. „Viele glauben, Sex müsse immer gut tun und scheuen sich davor, den negativen Seiten ins Auge zu sehen“, so der Wiener Psychotherapeut, Psychiater und Neurologe.

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Suchtgefahr durch „Sex per Mausklick”

Der Sonntag: Was ist „Internetsexsucht”?

Bonelli: Internet-Sexsucht gilt nach dem amerikanischen Psychiater Jerald J. Block neben pathologischem Internet-Spielen und exzessivem Chatroom-Gebrauch als eine der drei Untertypen der Internetsucht. Erst vor zwei Jahren definierte er in der federführenden psychiatrischen Zeitschrift „American Journal of Psychiatry” diese drei Formen mit vier gemeinsamen Kriterien:

  1. exzessiver Gebrauch des Internets, verbunden mit Verlust an Zeitgefühl oder Ignorieren basaler Notwendigkeiten (z.B. Essen, Trinken)
  2. Entzugssymptome, wie Ärger, Spannung, und/oder Depressionsgefühle, wenn der Computer nicht erreichbar ist
  3. Dosissteigerung, d.h. immer bessere Rechner, mehr Software, mehr Stunden vor dem Bildschirm
  4. negative soziale Interaktionen, inklusive Streit, Lügen, Leistungsabfall, soziale Isolation und konsekutiven Erschöpfungsgefühlen.

Wenn also Cybersex zu Kontrollverlust und erheblichem subjektiven Leidensdruck führt, wird das im medizinischen Sprachgebrauch als Sucht oder Impulskontrollstörung eingeordnet. Diesem Thema ist unsere Tagung (www.internetSEXsucht.at) gewidmet. Der Gebrauch von Internetsex selbst wird in der Psychiatrie nicht pathologisiert.

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Viele Männer können kaum mehr alleine vor einem Computer sitzen, ohne auf einschlägigen Seiten zu suchen

„Nicht immer, aber leider sehr häufig verlangen die User immer intensivere Reize und wechseln so von Softporno über Hardcore zu Gewalt- und schließlich Vergewaltigungspornos.“ Niemand steigt laut Bonelli auf der letzten Stufe ein. „Werden etwa Jugendliche durch Peers eingeführt, empfinden sie die Inhalte zunächst als abstoßend oder unmenschlich. Mit der Zeit erwacht jedoch das Interesse und sie sehen sich um, was es sonst noch gibt. Die Gewöhnung überwindet die Scheu, die bei gesunden Menschen anfangs noch einen natürlichen Schutzreflex bietet, und man greift zu Härterem.“ Die Sucht beginne dort, wo die eigene Kontrolle verschwindet und der Drang selbstständig wird. „Viele Männer können kaum mehr alleine vor einem Computer sitzen, ohne auf einschlägigen Seiten zu suchen.“

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