Religion ist eine transzendente Liebesbeziehung

Leben und GlaubeRaphael Bonelli, warum beschäftigen Sie sich mit Religiosität? Sie sind schließlich Psychiater!

Bonelli: Religiosität ist eine der Realitäten, die auf die Psyche wirken, so wie auch die Befindlichkeit oder die Sexualität. Mein Thema als Psychiater ist aber nicht, welche Religion Recht hat. Ich halte es für einen Missbrauch vom Psychiater, wenn er versucht, religiöse Vorstellungen seiner Patienten nach seinen Wertvorstellungen zu verändern. Das passiert oft genug – meistens, indem die Religion pathologisiert wird.

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Die Hälfte der gesunden Menschen in jüngerer Vergangenheit hatte ein Verbitterungserlebnis

Jeder Mensch wisse, was Verbitterung ist und jenseits der zu behandelnden Fälle habe die Hälfte der gesunden Menschen in jüngerer Vergangenheit ein Verbitterungserlebnis gehabt, einhergehend mit zerstörerischen Emotionen, depressiver Stimmung,  Hoffnungslosigkeit und Angst. Als Kernkriterien der Verbitterung nannte Bonelli ein einmaliges, schwerwiegendes negatives Lebensereignis sowie die Tatsache, dass der Patient seinen heutigen Zustand subjektiv als Konsequenz aus diesem Trauma interpretiert und dieses Lebensereignis als „ungerecht“ einordnet und hochemotional reagiert, wenn die Sprache darauf kommt. Meist nehme sich der Patient als hilfloses Opfer wahr und sehe sich nicht in der Lage, das Ereignis und seine Ursache zu bewältigen.

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Im anonymen Lebensstil einer Großstadt sind Menschen weitaus verletzlicher

Auch die Großstadt birgt irgendwie eine Gefahr in sich. Bonelli: „Im anonymen Lebensstil einer Großstadt sind Menschen weitaus verletzlicher als in einem stabilen sozialen Umfeld, wie es am Land häufig noch vorhanden ist.“ Heraushelfen kann unter anderem professionelle Hilfe durch Psychotherapie. Linden nennt es „Weisheitstherapie“ (Unterform der Verhaltenstherapie; es geht dabei auch um Perspektivenwechsel, Verständnis der Situation des „Täters“, Relativierung der Subjektivität).

 

Bonelli setzt zudem gerne die systemische Therapie ein. „Wenn sich der Klient darauf wirklich einlässt, kann er in drei bis zwölf Monaten geheilt sein.“ Wichtig, so Bonelli, sei dabei auch, Unveränderliches zu akzeptieren und nach vorne zu blicken anstatt in der Vergangenheit zu wühlen und in der Schuldzuweisung-Maschinerie zu versteinern. „Sonst bleibt man ewiger Verlierer und Glücklichsein ein Fremdwort.“ Und wer wollte das schon?

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Überwinden kann man Verbitterung nur durch Loslassen

Posttraumatische Verbitterungsstörungen bilden sich infolge von Ereignissen, die Menschen in ihren zentralen Lebensbereichen betreffen, so Raphael Bonelli, Psychotherapeut und Koordinator der Tagung: „Das kann eine Kündigung sein, die nach jahrelanger Tätigkeit am selben Arbeitsplatz erfolgt, die Trennung in einer Partnerschaft oder auch gebrochene Treue“. Betroffene fühlten sich häufig ungerecht behandelt „und sehen nur, dass es den anderen besser geht“. Aus dem ständigen Hadern mit dem widerfahrenen Schicksal könne sich eine lang anhaltende psychische Krankheit entwickeln. Überwinden könne man Verbitterung nur durch Loslassen, so Bonelli: „Verbitterte wollen die absolute Gerechtigkeit hier und jetzt erleben. Man kommt jedoch erst durch die Erkenntnis weiter, dass diese Gerechtigkeit nicht existiert und alles Erlebte bloß relativ ist.“

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Verzeihung ist in erster Linie ein psychischer Akt

Ein Schwerpunkt der Fachtagung liegt auf der Vergebung. „Bisher wurde dieser Aspekt in Europa kaum wissenschaftlich behandelt, vermutlich aus Angst, dass der Begriff automatisch Religion impliziert. Verzeihung ist jedoch in erster Linie ein psychischer Akt statt ein religiöses Phänomen“, betont der Tagungsorganisator. Verzeihung als „beste Form des Loslassens“ beschreibe einen Prozess, der im wesentlichen zwei Voraussetzungen brauche. „Erstens ist die Erkenntnis nötig, dass man auch selbst Fehler macht. Erst dadurch wird man bereit, auch dem Täter falsches Handeln zugestehen zu können. Zweitens brauche man eine Portion Großmut, um tatsächlich ein ‚Schwamm drüber!‘ sagen zu können.“

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