Religiosität kann stützende Funktion in der Psychiatrie haben

FreieWelt.Net: Herr Dozent DDr. Bonelli, welche positiven Einflüsse können Religion und Spiritualität auf unser Leben haben oder – einfach gefragt: Tut Religion der Psyche gut?

Bonelli: Wir beschäftigen uns als Psychiater und Psychotherapeut nicht mit Religion, sondern mit Religiosität. Religiosität (bzw. Spiritualität) ist eine deskriptive psychologische Realität, so wie z.B. Empathie. Sie beweist nicht notwendigerweise z.B. die Existenz Gottes –diese Frage ist eine theologische, mit der wir uns als Psychiater nicht beschäftigen. Religiosität ist aber in jedem Menschen – zumindest rudimentär – zu finden; das ist ein Konsens, den auch agnostische Kollegen wie Martin E. P. Seligmann (im Buch „Authentic Happyness“ 2005) mittragen können. Und damit ist Religion einmal prinzipiell etwas, was einer inneren Sehnsucht des Menschen entgegenkommt und entspricht. Auch Sigmund Freud hat das Phänomen der Sehnsucht nach dem Göttlichen beschrieben: „das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke ihrer Wünsche“. In der wissenschaftlichen Psychiatrie gehen die neueren Daten klar in die Richtung, dass Religiosität bei Suchterkrankungen, bei Suizidalität und in der Depressionsbewältigung eine wichtige stützende Funktion haben kann, die Befindlichkeit verbessert und protektiv bei diese drei Krankheitsgruppen wirkt. Experten unterscheiden weiter zwischen intrinsisch und extrinsisch motivierter Religiosität, die sich da hinsichtlich der Wirkung auf die Befindlichkeit deutlich unterscheiden dürften.

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