Wenn Ideale zu Imperativen werden

Anders als der souverän nach Vollkommenheit Strebende, der sich der eigenen Unzulänglichkeit doch bewusst ist, sei der Perfektionist „von einer irrationalen Angst vor Ablehnung begleitet“, meist ein unsicherer Mensch voller Sehnsucht nach Unangreifbarkeit. Perfektion sei ihm nur Mittel zum Zweck: „Eine Fassade, die er aufrichtet, eine Maske, hinter der er sich versteckt“, letztlich also ein Weg der Lebenslü- ge. Zur Immunisierung dagegen empfiehlt der Wiener Psychiater, was er selbst „Imperfektionstoleranz“ nennt, „die Selbstannahme im Bewusstsein der eigenen Fehlerhaftigkeit, Mittelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit“, sowie eine realistische Selbsteinschätzung und gesunde Zielvorgaben. Erst so entfalte sich die innere Freiheit der Person.

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Perfektionismus: An den eigenen Erwartungen zerbrechen

Wie entsteht Perfektionismus überhaupt? Bonelli sieht drei große Faktoren: die genetische Disposition – etwa die Hälfte der Neigung zur Entwicklung von Ängsten werde vererbt, heißt es im Buch. Erziehung und kindliche Erfahrungen: Schlechte Erinnerungen sitzen tief und prägen das Denken oftmals unbewusst das ganze Leben lang. Und nicht zuletzt der eigene Zugang: Wie stehe ich dazu? Bewahre ich eine gewisse Distanz zu meinen Gedanken, oder lasse ich mich von der Angst treiben? Gebe ich Fehler zu, auch wenn mir das schwer fällt?

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In der Leistungsfalle: Tipps gegen krankhaften Perfektionismus

„Perfektionismus ist modern. Er prägt den Zeitgeist, liegt unseren Wertvorstellungen zugrunde, dominiert unsere Köpfe. Fast niemand kann sich ihm entziehen“, sagt der Wiener Psychiater und systemische Psychotherapeut Raphael M. Bonelli. Auch wenn die Menschen unter dem Zwang leiden, alles richtig machen zu müssen, gilt Perfektionismus als ein „attraktives Laster“, vor allem im Berufsleben: „Diese Schwäche finden wir verzeihlich, wenn nicht sogar ehrenhaft.“

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Sind Sie krankhaft perfektionistisch?

Perfektionismus ist Bonelli zufolge ein Vermeidungsverhalten. Ein Perfektionist fordert von sich, dass er keine Fehler machen und sich keine Blöße geben darf. Der Perfektionist vergleicht sich gerne mit anderen, zerfleischt sich selbst dabei und möchte eigentlich unangreifbar sein: „Wer perfekt arbeitet, kann weder getadelt noch kann ihm gekündigt werden.“ Tatsächlich seien Betroffene unsichere und zutiefst ängstliche Menschen, und die Perfektion sei eine Maske, hinter der sie sich verstecken könnten.

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Good bye, Miss Perfect!

Er möchte nicht falsch verstanden werden. „Es ist sinnvoll und richtig, Perfektes leisten zu wollen“, sagt Raphael M. Bonelli. Ein hoher Anspruch sorgt schließlich für Wachstum und Fortschritt. „Das Problem ist nur: Ein Perfektionist hält diese fruchtbare Soll-Ist-Spannung nicht aus, sie zerreißt ihn. Aus dem förderlichen ‚Soll‘ ist für ihn ein starres und unerbittliches ‚Muss‘ geworden“, erklärt der Wiener Psychiater. „Man versteht diese Vorgänge besser, wenn man weiß, dass Perfektionismus nicht das Streben nach Exzellenz ist, sondern vielmehr ein Vermeidungsverhalten.“

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Der Mensch als Maschine

Ist Freud damit für die heutige Psychiatrie und Psychotherapie „erledigt“? Nein, sagt der Psychiater Bonelli, Freud bleibe bis heute ein wichtiger Referenzpunkt. Streng nach Freud’scher Lehre arbeiteten jedoch nur mehr wenige Therapeuten. Ein Bereich etwa, in dem die Psychotherapie sich weiter entwickelt habe, sei der Umgang mit Religion im Therapeut-Klienten-Gespräch.

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Plädoyer für eine sexuelle Liturgie

Als ich ein pubertärer, rebellischer Jugendlicher war, habe ich die Zehn Gebote als eine unerträgliche Einschränkung meiner ach so wichtigen Freiheit erlebt. Doch drei Jahrzehnte später, nach längerem hochinteressanten Arbeiten als Psychiater, bei dem ich Anteil nehmen darf an dem Schicksal so vieler Menschen, die sich mir anvertrauen, merke ich, was Gott wirklich mit ihnen gemeint hat: eine liebevolle Anleitung zum Glücklichwerden und eine behutsame Warnung vor Untiefen, die das Schiff des Lebens gefährden und sogar sinken lassen können. Die Zehn Gebote warnen nämlich vor dem Abgrund im Menschen selbst. Das hat nichts mit einer „Drohbotschaft“ zu tun, wie ich mir damals irrigerweise einreden ließ, sondern mit der überwältigenden Realität des Faktischen: Das Leben kann eben auch misslingen. Davon kann jeder Psychiater ein Lied singen.

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Die Psychologie der Beichte

Immer wieder kommen Patienten in die Therapiestunden und sagen gleich nach der Begrüßung, kaum dass sie die Couch auch nur berühren: „Also, Herr Doktor, zuerst muss ich etwas beichten: Ich habe letzte Woche…“. Meist „beichten“ sie dann gebrochene Vorsätze, die sie in der vergangenen Therapiestunde gefasst hatten: der Student, der eigentlich in der Früh aufstehen wollte, die Übergewichtige oder der Kaufsüchtige, die rückfällig wurden. Ja, ein überzeugt atheistischer Pornosüchtiger „beichtete“ mir kürzlich sogar, dass er seit der letzten Therapiestunde „gesündigt“ (sic!) habe. Auf meinen fragenden Blick antwortete er mit einem charmanten Schmunzeln, dass eben auch Atheisten sündigen können. Jedenfalls: Wenn „es“ dann draußen ist, geht es ihnen allen besser. Die Stunde kann für sie danach zwanglos und ohne Krampf beginnen. Das Schlimmste ist nämlich bereits ausgespuckt, das schlechte Gewissen erleichtert. Damit haben sie auch Recht, denn wenn ein Patient versuchen würde, genau seinen schmerzhaften Punkt zu umgehen, wäre die Therapie sicherlich weniger effektiv. Bei Alkoholikern etwa erlebt man immer wieder, dass ein Rückfall phantasievoll kaschiert wird – und eben nicht „gebeichtet“ –, weil er im Bewusstsein umgedeutet wird. Dann ist Hilfe schwieriger. Das mutige Formulieren des eigenen Scheiterns verhindert die wehleidige Verdrängung. So steht die Selbstanklage gegenüber dem Therapeuten oft stellvertretend für den mutigen Prozess der Selbsterkenntnis.

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Macht Facebook glücklich oder einsam?

Facebook und Twitter haben den Begriff der Freundschaft verändert, betont auch der Wiener Psychotherapeut Raphael Bonelli. „War sie ursprünglich ein ‚dem anderen Gutes wollen‘, so bedeutet sie im Internet oft, dass man andere über die aktuelle Befindlichkeit informiert, Nachrichten eines anderen abonniert und Teilnahme zeigt.“ Die Social-Networks-Kontakte seien Freundschaften der oberflächlichsten Form. Doch verbringen eben viele mit der Pflege dieser „Freundschaften“ ziemlich viel Lebenszeit.

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Kirche hat Wert der Askese vergessen

Im religiösen Kontext habe Askese immer die Offenheit für Gott vor Augen. Bonelli: „Beispiele wie Franziskus, Gandhi oder Mutter Teresa zeigen, wie sehr Bedürfnislosigkeit und Selbstrücknahme in Verbindung mit Gebet ein Königsweg zur Mystik sein können.“ Ein Wert an sich sei die Askese dabei jedoch noch nicht, betonte der Psychiater, könne sie doch auch von Gott entfernen und zum Selbstzweck werden. Viele Heilige hätten von übertriebenen asketischen Übungen abgeraten – „da man sonst beginnt, auf sich stolz zu sein“. Andererseits würden viele auch kirchliche Angebote wie etwa zum Heilfasten oder Entschlackung das Ziel der Gottesbeziehung oft außer Acht lassen.

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Schuld sind immer die anderen

Oft erweist sich in solchen Situationen auch eine veraltete Psychotherapie als wenig hilfreich, dann nämlich, wenn Schuldgefühle nicht ernst genommen, sondern gar „pathologisiert“ werden, um sie anschließend wegzutherapieren. Der Therapievorschlag der modernen Psychotherapie lautet hingegen: Persönliche Schuld erkennen und selbst Verantwortung für das eigene Tun übernehmen. Eigene Schuld wird man los, indem man sie annimmt. Niemand ist ohne Fehler. Irren ist menschlich und Scheitern gehört zum Leben – heißt die tröstliche Botschaft. Wir überfordern uns, wenn wir das nicht akzeptieren können und uns den Anspruch auf Fehlerlosigkeit selbst auferlegen. Wer zu einem schmunzelnden „Selber schuld!“ bereit ist, kann auch leichter anderen verzeihen.

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Askese – mühsam, aber sinnvoll

Askese – klingt ab­schreckend, nach  zwanghafter Verordnung unsinniger Entbehrungen. Im Folgenden zeigt der Autor, dass eine aske­tische Haltung wesentlich für die persönliche Entfaltung ist, damit der Mensch nicht primär triebgesteuert agiert.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das durch Bemühung mehr es selbst werden kann – und durch Sich-Gehen-Lassen sich selbst immer mehr verliert. Den psychologischen Hintergrund dieses Phänomens nennt man die „Fähigkeit zur Selbstprägung“: Nicht nur die Umgebung prägt eine Persönlichkeit, auch der Mensch selbst hat die Freiheit, sich selbst zu verändern, an sich zu arbeiten. Das nennt man Charakterbildung.

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Rezension: Selber Schuld! Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen

Schuld ist heute niemand mehr, denn wir leben in therapiefreundlichen Zeiten, wo „Schuld“ für viele fast ein „dirty word“ ist. Doch meint Raphael Bonelli: „Schuldbewusstsein, Schuldgefühle, Gewissensbisse und ein ’schlechtes Gewissen‘ sind an und für sich Zeichen für psychische Gesundheit.“ Um sich dies zu verdeutlichen, empfiehlt es sich, an Leute vor Gericht zu denken, denen jegliches Unrechtsbewusstsein völlig abgeht: Sie kommen uns wie Monster vor.

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Glaube: Unsere tägliche Gesundheit gib uns heute

Dabei trägt Glaube nicht immer zu einem gesundheitsfördernden Verhalten bei. Auf den Einzelnen kann er auch negative Auswirkungen haben, wie Bonelli herausgefunden hat. Der Psychiater unterscheidet zwei Arten von Religiosität. Die sogenannte intrinsische Religiosität ist motiviert um der Religion willen, man glaubt an Gott, weil man überzeugt ist, dass es ihn tatsächlich gibt. Die extrinsische Religiosität aber ist oft angst- oder giergesteuert. In die Kirche geht man vor allem, weil man andernfalls die Konsequenzen fürchtet, oder weil man von allen geliebt werden will.

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Cyber-Sex-Sucht

„Die Möglichkeiten des Internet bringen die Sexsucht in eine neue Dimension“, sagt Doz. Dr. Raphael Bonelli, Psychologe und Neurologe an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. „Cyberpornografie ist oft gewalttätiger als Print- oder Videopornografie, sie bietet mehr Freiräume für deviante Praktiken.“ Mit der Zeit tritt ein Gewöhnungseffekt ein: das Ungewöhnliche wird normal, das Normale erscheint langweilig. „Das Internet fördert die Late-onset-Entwicklung von fetischistischen Präferenzen und die Verbreitung von riskanten Sexualpraktiken wie Asphyxie.“

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Gottesfurcht als Therapie für die Ängste der Moderne

Der RPP-Gründer Bonelli beschrieb aus seiner psychotherapeutischen Praxis die unbewussten Ängste vor Liebesverlust und Ausgrenzung, in der die eigenen Fehler zur existenziellen Bedrohung werden. Nicht das hohe Ideal sei der Denkfehler des Perfektionisten, denn ein hohes Ideal mache noch nicht an sich neurotisch. Vielmehr verwechsle der Perfektionist das Soll, an dem das Ist wachsen kann, mit einem Muss. Der Perfektionist sei innerlich unfrei, kreise um sich selbst, habe eine falsche Wertehierarchie und einen Horror davor, kritisiert oder in Frage gestellt zu werden. Im Religiösen setze der Perfektionist auf Selbsterlösung: Er wolle tadellos vor Gott stehen, nicht aber als Sünder und Bittender. Perfektionistische Häresien seien die Gnosis und der Pelagianismus, Jansenisten, Katharer und Albigenser. Als Lernziel nannte Bonelli „Imperfektionismustoleranz“, also die Fähigkeit, die eigene Fehlerhaftigkeit und die Differenz zwischen Ist und Soll anzunehmen.

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Nur in Freiheit kann man lieben

Immer mehr Kinder werden zu kleinen Wolfgang Amadeus Mozarts, Boris Beckers und Vladimir Putins erzogen: von klein auf müssen sie aus Nützlichkeitsdenken einen Kurs nach dem anderen besuchen, zum Spielen bleibt keine Zeit mehr. Immer häufiger begegne ich Österreichern, die mit ihren einjährigen Kindern Englisch sprechen, damit diese später einen Startvorteil im unerbittlichen Kampf um Höchstleistung haben. Sagen Sie einmal Ihrem eigenen Kind in einer Fremdsprache, wie gern Sie es haben…

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Psychisch gesund durch Religiosität

„Vergleichbar mit Empathie, ist Religiosität eine Fähigkeit, die jeder hat und fördern oder brach liegen lassen kann“, so der Leiter des Instituts RPP (Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie). Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts sei Religion in der Therapie ignoriert oder sogar als Blockade angesehen worden, berichtete Bonelli, der auch an der Wiener Siegmund-Freud-Privatuniversität lehrt. Dies sei ein „überholtes“ Erbe Sigmund Freuds, dessen Einstellung zu Religion als „kollektive Zwangsneurose“ auch heute noch die Medizin- und Therapieausbildung präge. Immer mehr würden diese Vorbehalte jedoch aufbrechen, „die Fachwelt denkt um und erkennt, dass Spiritualität gesund ist“, so der Wiener Forscher.

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Wo Religion für die Psyche hilfreich ist

Das Ergebnis fasst der Wiener Neurowissenschafter so zusammen: „Alle Studien zusammen berichten zu 74 Prozent eine positive Korrelation zwischen Religiosität bzw. Spiritualität und psychischer Gesundheit, zwei Prozent finden keinerlei Korrelationen, 19 Prozent zeigen gemischte Resultate (sowohl positive wie negative) und fünf Prozent fanden eine negative Korrelation.“ Alle Studien zeigten demnach für Demenz, Suizid und Neurose einen positiven Einfluss der Religiosität auf die psychische Gesundheit. Dasselbe Ergebnis hätten 79 Prozent der Studien über Depression und 67 Prozent der Arbeiten über Suchterkrankungen gebracht. Andererseits seien die meisten Studien über Schizophrenie gemischt oder positiv gewesen, jene über bipolare Erkrankungen gemischt oder negativ.

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Gedanken zum Tag

Schuldbewusstsein ist ein kreatives Potenzial: Es für denkbar und möglich zu halten, etwas falsch gemacht zu haben, öffnet neue Handlungshorizonte. Fehlendes Schuldbewusstsein bedeutet nicht etwa das Fehlen von Schuld, sondern die Verdrängung der Schuld aus dem Bewusstsein, die jetzt im Unterbewussten ein Eigenleben führt. Verdrängte Schuld engt den Menschen ein und nimmt ihm Handlungsspielraum.

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