Lebst du schon? Oder bist du noch perfekt?

Psychologen unterscheiden zwischen einem gesunden „funktionalen“ und einem ungesunden „dysfunktionalen“ Perfektionismus. Der gesunde Perfektionist strebt danach, seine Sache gut zu machen. Er verfolgt seine Ziele gewissenhaft, freut sich über positive Ergebnisse, gesteht sich aber auch zu, auf dem Weg dahin nicht alles richtig zu machen. Fehler sind für ihn kein Weltuntergang, er kann loslassen und umdisponieren, wenn er merkt, dass ein Ziel nicht erreichbar ist. Der ungesunde Perfektionist dagegen ist abhängig von der Anerkennung durch andere und hat ständig Angst, zu versagen. Er legt die Latte hoch, unabhängig davon, ob das Ziel überhaupt realistisch ist. Gleichzeitig hat er panische Angst, Fehler zu machen und den Erwartungen nicht zu genügen. Solche dysfunktionalen Perfektionisten sind in einer Dauerbewährungssituation. Es geht ihnen um „Unangreifbarkeit“, wie der österreichische Therapeut Raphael Bonelli in seinem neuen Buch schreibt. „Perfektionismus ist ein Vermeidungsverhalten: Wer perfekt arbeitet, kann weder getadelt noch kann ihm gekündigt werden.“

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Perfekt, Perfekter, … Mutter?!

Besonders berufstätige Mütter sind durch ihre Mehrfachbelastung auf unterschiedlichen Ebenen mit dem Perfektionsgedanken konfrontiert. Denn neben dem Bild, das in der Öffentlichkeit, der Werbung und durch anderen Eltern gezeichnet wird, kommt als Sahnehäubchen der eigene Anspruch hinzu.

Die perfekte Mutter, die immer für ihre Kinder da ist, diese fördert und sich auch in der Schule engagiert, die perfekte Hausfrau, die einen tip-top Haushalt führt, die perfekte Mitarbeiterin, die eine glänzende Arbeitsleistung mit dem Wunsch nach anspruchsvolleren Aufgaben vereint und die perfekte Partnerin, die stets ein offenes Ohr für die Wünsche und Probleme ihres Partners hat: Berufstätige Mütter befinden sich in einem Karussell der Perfektion, die schwindelig macht.

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Weihnachten ist für Perfektionisten gefährlich: So werden Sie lockerer

Augsburger Allgemeine: Bin ich denn schon ein Perfektionist, wenn ich etwas besonders gut machen will, zum Beispiel den perfekten Weihnachtsbraten?

Nein, es gibt auch ein normales, gesundes Perfektionsstreben, und dagegen ist gar nichts einzuwenden. Wer sich selbst keine hohen Ziele setzt, verkommt zum Spießer und bleibt im Mittelmaß. Die Spanne zwischen dem SOLL, das hoch gesteckt ist, und dem IST, das darunter liegt, macht ein Wachstum des Menschen möglich. Es ist auch falsch, was viele herkömmliche Ratgeber empfehlen: Dass 80 Prozent Leistung reichen und man keine 100 Prozent geben muss. Wenn wir unser Auto zum Mechaniker geben oder wegen einer Krebserkrankung den Onkologen aufsuchen, erwarten wir schon 100 Prozent! Wir bewundern es auch, wenn Menschen etwas wirklich gut können. Michelangelo zum Beispiel hat seinen David perfekt gemacht. Es ist keine Lösung zu sagen, man macht alles nur noch halb oder dreiviertel so gut.

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Wenn es immer ganz genau passen muss

Der Neurowissenschafter an der Sigmund Freud-Privatuniversität in Wien sieht in der Tiefe einer solchen perfektionistischen Seele „immer die Angst“. Diese könne sich in zwei Gesichtern zeigen: in der Ichhaftigkeit oder im Zwang. Beide seien eng miteinander verwandt. „Die Ichhaftigkeit ist eine übertriebene Angst um sich selbst, der Zwang ist die Folge einer Angst, ein Ritual, das die Angst bannen soll, aber nicht kann.“

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Raus aus der Perfektionismusfalle

Unter anderem am Fall einer selbsternannten Karrierefrau legt Bonelli in mehreren, sorgfältig erläuterten Schritten offen, wie schwer es ist, sich selbst einzugestehen, in der Perfektionismusfalle zu sitzen, und wie mühsam es ist, den Weg heraus aus dem Perfektionismuswahn zu finden: wie viele innere Widerstände dabei zu überwinden sind, welche Brüche selbstgesetzter Tabus dabei zu vollziehen sind – und wie unendlich befreiend es ist, sich schlussendlich den Weg in die geistig-seelische Freiheit freigekämpft zu haben. In dieser von äußerer Ungewissheit geprägten Zeit und der sich darob schnell einschleichenden inneren Unsicherheit ist gerade diese geistig-seelische Freiheit und die erst durch sie ermöglichte Erkenntnis, dass es das Absolute, das ausschließlich Richtige und Wahre nicht gibt, der einzig zuverlässige Schutz davor, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren und an der unvollkommenen Welt irre zu werden.

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Wenn Ideale zu Imperativen werden

Anders als der souverän nach Vollkommenheit Strebende, der sich der eigenen Unzulänglichkeit doch bewusst ist, sei der Perfektionist „von einer irrationalen Angst vor Ablehnung begleitet“, meist ein unsicherer Mensch voller Sehnsucht nach Unangreifbarkeit. Perfektion sei ihm nur Mittel zum Zweck: „Eine Fassade, die er aufrichtet, eine Maske, hinter der er sich versteckt“, letztlich also ein Weg der Lebenslü- ge. Zur Immunisierung dagegen empfiehlt der Wiener Psychiater, was er selbst „Imperfektionstoleranz“ nennt, „die Selbstannahme im Bewusstsein der eigenen Fehlerhaftigkeit, Mittelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit“, sowie eine realistische Selbsteinschätzung und gesunde Zielvorgaben. Erst so entfalte sich die innere Freiheit der Person.

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Perfektionismus: An den eigenen Erwartungen zerbrechen

Wie entsteht Perfektionismus überhaupt? Bonelli sieht drei große Faktoren: die genetische Disposition – etwa die Hälfte der Neigung zur Entwicklung von Ängsten werde vererbt, heißt es im Buch. Erziehung und kindliche Erfahrungen: Schlechte Erinnerungen sitzen tief und prägen das Denken oftmals unbewusst das ganze Leben lang. Und nicht zuletzt der eigene Zugang: Wie stehe ich dazu? Bewahre ich eine gewisse Distanz zu meinen Gedanken, oder lasse ich mich von der Angst treiben? Gebe ich Fehler zu, auch wenn mir das schwer fällt?

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In der Leistungsfalle: Tipps gegen krankhaften Perfektionismus

„Perfektionismus ist modern. Er prägt den Zeitgeist, liegt unseren Wertvorstellungen zugrunde, dominiert unsere Köpfe. Fast niemand kann sich ihm entziehen“, sagt der Wiener Psychiater und systemische Psychotherapeut Raphael M. Bonelli. Auch wenn die Menschen unter dem Zwang leiden, alles richtig machen zu müssen, gilt Perfektionismus als ein „attraktives Laster“, vor allem im Berufsleben: „Diese Schwäche finden wir verzeihlich, wenn nicht sogar ehrenhaft.“

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Sind Sie krankhaft perfektionistisch?

Perfektionismus ist Bonelli zufolge ein Vermeidungsverhalten. Ein Perfektionist fordert von sich, dass er keine Fehler machen und sich keine Blöße geben darf. Der Perfektionist vergleicht sich gerne mit anderen, zerfleischt sich selbst dabei und möchte eigentlich unangreifbar sein: „Wer perfekt arbeitet, kann weder getadelt noch kann ihm gekündigt werden.“ Tatsächlich seien Betroffene unsichere und zutiefst ängstliche Menschen, und die Perfektion sei eine Maske, hinter der sie sich verstecken könnten.

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Good bye, Miss Perfect!

Er möchte nicht falsch verstanden werden. „Es ist sinnvoll und richtig, Perfektes leisten zu wollen“, sagt Raphael M. Bonelli. Ein hoher Anspruch sorgt schließlich für Wachstum und Fortschritt. „Das Problem ist nur: Ein Perfektionist hält diese fruchtbare Soll-Ist-Spannung nicht aus, sie zerreißt ihn. Aus dem förderlichen ‚Soll‘ ist für ihn ein starres und unerbittliches ‚Muss‘ geworden“, erklärt der Wiener Psychiater. „Man versteht diese Vorgänge besser, wenn man weiß, dass Perfektionismus nicht das Streben nach Exzellenz ist, sondern vielmehr ein Vermeidungsverhalten.“

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Der Mensch als Maschine

Ist Freud damit für die heutige Psychiatrie und Psychotherapie „erledigt“? Nein, sagt der Psychiater Bonelli, Freud bleibe bis heute ein wichtiger Referenzpunkt. Streng nach Freud’scher Lehre arbeiteten jedoch nur mehr wenige Therapeuten. Ein Bereich etwa, in dem die Psychotherapie sich weiter entwickelt habe, sei der Umgang mit Religion im Therapeut-Klienten-Gespräch.

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Plädoyer für eine sexuelle Liturgie

Als ich ein pubertärer, rebellischer Jugendlicher war, habe ich die Zehn Gebote als eine unerträgliche Einschränkung meiner ach so wichtigen Freiheit erlebt. Doch drei Jahrzehnte später, nach längerem hochinteressanten Arbeiten als Psychiater, bei dem ich Anteil nehmen darf an dem Schicksal so vieler Menschen, die sich mir anvertrauen, merke ich, was Gott wirklich mit ihnen gemeint hat: eine liebevolle Anleitung zum Glücklichwerden und eine behutsame Warnung vor Untiefen, die das Schiff des Lebens gefährden und sogar sinken lassen können. Die Zehn Gebote warnen nämlich vor dem Abgrund im Menschen selbst. Das hat nichts mit einer „Drohbotschaft“ zu tun, wie ich mir damals irrigerweise einreden ließ, sondern mit der überwältigenden Realität des Faktischen: Das Leben kann eben auch misslingen. Davon kann jeder Psychiater ein Lied singen.

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Die Psychologie der Beichte

Immer wieder kommen Patienten in die Therapiestunden und sagen gleich nach der Begrüßung, kaum dass sie die Couch auch nur berühren: „Also, Herr Doktor, zuerst muss ich etwas beichten: Ich habe letzte Woche…“. Meist „beichten“ sie dann gebrochene Vorsätze, die sie in der vergangenen Therapiestunde gefasst hatten: der Student, der eigentlich in der Früh aufstehen wollte, die Übergewichtige oder der Kaufsüchtige, die rückfällig wurden. Ja, ein überzeugt atheistischer Pornosüchtiger „beichtete“ mir kürzlich sogar, dass er seit der letzten Therapiestunde „gesündigt“ (sic!) habe. Auf meinen fragenden Blick antwortete er mit einem charmanten Schmunzeln, dass eben auch Atheisten sündigen können. Jedenfalls: Wenn „es“ dann draußen ist, geht es ihnen allen besser. Die Stunde kann für sie danach zwanglos und ohne Krampf beginnen. Das Schlimmste ist nämlich bereits ausgespuckt, das schlechte Gewissen erleichtert. Damit haben sie auch Recht, denn wenn ein Patient versuchen würde, genau seinen schmerzhaften Punkt zu umgehen, wäre die Therapie sicherlich weniger effektiv. Bei Alkoholikern etwa erlebt man immer wieder, dass ein Rückfall phantasievoll kaschiert wird – und eben nicht „gebeichtet“ –, weil er im Bewusstsein umgedeutet wird. Dann ist Hilfe schwieriger. Das mutige Formulieren des eigenen Scheiterns verhindert die wehleidige Verdrängung. So steht die Selbstanklage gegenüber dem Therapeuten oft stellvertretend für den mutigen Prozess der Selbsterkenntnis.

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Macht Facebook glücklich oder einsam?

Facebook und Twitter haben den Begriff der Freundschaft verändert, betont auch der Wiener Psychotherapeut Raphael Bonelli. „War sie ursprünglich ein ‚dem anderen Gutes wollen‘, so bedeutet sie im Internet oft, dass man andere über die aktuelle Befindlichkeit informiert, Nachrichten eines anderen abonniert und Teilnahme zeigt.“ Die Social-Networks-Kontakte seien Freundschaften der oberflächlichsten Form. Doch verbringen eben viele mit der Pflege dieser „Freundschaften“ ziemlich viel Lebenszeit.

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Kirche hat Wert der Askese vergessen

Im religiösen Kontext habe Askese immer die Offenheit für Gott vor Augen. Bonelli: „Beispiele wie Franziskus, Gandhi oder Mutter Teresa zeigen, wie sehr Bedürfnislosigkeit und Selbstrücknahme in Verbindung mit Gebet ein Königsweg zur Mystik sein können.“ Ein Wert an sich sei die Askese dabei jedoch noch nicht, betonte der Psychiater, könne sie doch auch von Gott entfernen und zum Selbstzweck werden. Viele Heilige hätten von übertriebenen asketischen Übungen abgeraten – „da man sonst beginnt, auf sich stolz zu sein“. Andererseits würden viele auch kirchliche Angebote wie etwa zum Heilfasten oder Entschlackung das Ziel der Gottesbeziehung oft außer Acht lassen.

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Schuld sind immer die anderen

Oft erweist sich in solchen Situationen auch eine veraltete Psychotherapie als wenig hilfreich, dann nämlich, wenn Schuldgefühle nicht ernst genommen, sondern gar „pathologisiert“ werden, um sie anschließend wegzutherapieren. Der Therapievorschlag der modernen Psychotherapie lautet hingegen: Persönliche Schuld erkennen und selbst Verantwortung für das eigene Tun übernehmen. Eigene Schuld wird man los, indem man sie annimmt. Niemand ist ohne Fehler. Irren ist menschlich und Scheitern gehört zum Leben – heißt die tröstliche Botschaft. Wir überfordern uns, wenn wir das nicht akzeptieren können und uns den Anspruch auf Fehlerlosigkeit selbst auferlegen. Wer zu einem schmunzelnden „Selber schuld!“ bereit ist, kann auch leichter anderen verzeihen.

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Askese – mühsam, aber sinnvoll

Askese – klingt ab­schreckend, nach  zwanghafter Verordnung unsinniger Entbehrungen. Im Folgenden zeigt der Autor, dass eine aske­tische Haltung wesentlich für die persönliche Entfaltung ist, damit der Mensch nicht primär triebgesteuert agiert.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das durch Bemühung mehr es selbst werden kann – und durch Sich-Gehen-Lassen sich selbst immer mehr verliert. Den psychologischen Hintergrund dieses Phänomens nennt man die „Fähigkeit zur Selbstprägung“: Nicht nur die Umgebung prägt eine Persönlichkeit, auch der Mensch selbst hat die Freiheit, sich selbst zu verändern, an sich zu arbeiten. Das nennt man Charakterbildung.

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Rezension: Selber Schuld! Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen

Schuld ist heute niemand mehr, denn wir leben in therapiefreundlichen Zeiten, wo „Schuld“ für viele fast ein „dirty word“ ist. Doch meint Raphael Bonelli: „Schuldbewusstsein, Schuldgefühle, Gewissensbisse und ein ’schlechtes Gewissen‘ sind an und für sich Zeichen für psychische Gesundheit.“ Um sich dies zu verdeutlichen, empfiehlt es sich, an Leute vor Gericht zu denken, denen jegliches Unrechtsbewusstsein völlig abgeht: Sie kommen uns wie Monster vor.

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Glaube: Unsere tägliche Gesundheit gib uns heute

Dabei trägt Glaube nicht immer zu einem gesundheitsfördernden Verhalten bei. Auf den Einzelnen kann er auch negative Auswirkungen haben, wie Bonelli herausgefunden hat. Der Psychiater unterscheidet zwei Arten von Religiosität. Die sogenannte intrinsische Religiosität ist motiviert um der Religion willen, man glaubt an Gott, weil man überzeugt ist, dass es ihn tatsächlich gibt. Die extrinsische Religiosität aber ist oft angst- oder giergesteuert. In die Kirche geht man vor allem, weil man andernfalls die Konsequenzen fürchtet, oder weil man von allen geliebt werden will.

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Cyber-Sex-Sucht

„Die Möglichkeiten des Internet bringen die Sexsucht in eine neue Dimension“, sagt Doz. Dr. Raphael Bonelli, Psychologe und Neurologe an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. „Cyberpornografie ist oft gewalttätiger als Print- oder Videopornografie, sie bietet mehr Freiräume für deviante Praktiken.“ Mit der Zeit tritt ein Gewöhnungseffekt ein: das Ungewöhnliche wird normal, das Normale erscheint langweilig. „Das Internet fördert die Late-onset-Entwicklung von fetischistischen Präferenzen und die Verbreitung von riskanten Sexualpraktiken wie Asphyxie.“

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