Weder frei noch Liebe: Apersonale Geilheit als Prinzip

Durch die apersonale Geilheit als Prinzip haben die 68er die Libido vom Du abgewendet und auf sich selbst gerichtet. Genau so beschreibt Sigmund Freud die Psychodynamik des Narzissmus. Herbert Marcuse, ihr intellektueller Leithammel, hat folgerichtig schlussgefolgert, dass der Narzissmus in der repressionsbefreiten, erosfundierten 68er-Gesellschaft „den Keim eines andersartigen Realitätsprinzips enthalten“ könne – unter Verherrlichung des Lustprinzips. In der Tat: Sex war bei den 68ern nicht Sprache der Liebe, sondern ein Bedürfnis, das jeder befriedigt, wo er gerade Lust hat.

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Psychiater: Beichte bietet Ausweg aus Perfektionismus-Wahn

Dabei ist das Schuld-Problem heute hochaktuell, wie der Psychiater erklärte: „Wir haben die Kompetenz verloren, mit eigener Schuld umzugehen.“ Innere „Dogmen“ wie „Ich darf keine Fehler machen, sonst bin ich nicht mehr liebenswert“, das narzisstische „Fehler zugeben ist Scheitern“ oder „Der Schwächere muss sich entschuldigen“ seien weit verbreitet, bis hin zur Haltung „Sünden gibt es nicht“, zu der die Psychiatrie selbst Vorschub geleistet habe. Bonelli: „Sigmund Freud kannte das Schuldgefühl nur als pathologische Form und Funktionsstörung – da er dem Mensch keine Freiheit und somit keine Verantwortung zuerkannte. Viele Therapeuten glauben bis heute, der Mensch sei nicht schuldfähig, und wollen daher Schuldgefühle einfach ausreden.“ Vielmehr sei das Schuldbewusstsein jedoch eine sinnvolle „Alarmanlage, die anzeigt, was los ist“ und Gewissensbisse ein „Zeichen psychischer Gesundheit.“

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Kulturmontag: Der bedrohte Mann

Psychotherapeut Ralph Bonelli sah bei den Millennials gar einen echten Wandel, einen „Rückfall in die Keuschheit, die denken anders, die sind anders gestrickt.“ Was dann der 1984 geborene Stipsits mit seinen ein wenig einstudiert wirkenden Sätzen über Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau bestätigen durfte („Wieso ist es toll, wenn der Mann im Haushalt mittut, er wohnt ja auch dort?“). Und der Therapeut brachte schließlich doch noch die Biologie ins Spiel, die ihren Teil zur Geschlechterrolle beitrage. „Ein Mann ist biologisch ein Mann, allein deswegen ist er nicht Täter oder Übeltäter.“

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Heilkraft Religion: Länger leben mit Gottes Segen?

Raphael Bonelli, der zusammen mit Koenig geforscht hat, ist ein Psychiater aus Wien.  Er unterscheidet zwei Arten von Religion – und mit ihnen zwei Arten möglicher gesundheitsrelevanter Auswirkungen: die extrinsische und die intrinsische Religion. Während die intrinsisch motivierte Ausübung aus eigenem Antrieb heraus erfolge, sei bei der extrinsisch geprägt ein äußerer Druck im Spiel. In die Kirche gingen extrinisisch religiöse Menschen vor allem, weil sie beim Fernbleiben Konsequenzen fürchten. Eine extrinsische Religion könne mitunter schädlich für die Gesundheit sein, so Bonelli.

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Vom guten und vom schlechten Gewissen

Jeder Mensch macht gelegentlich etwas falsch. „In den meisten Fällen, in den gesunden Fällen sind Schuldgefühle begründet. Also der Normalfall des Menschen ist, dass man Schuldgefühle hat, weil man Schuld auf sich geladen hat“, betont Rafael Bonelli: „So richtig krank sind nicht die Leute, die Schuldgefühle haben – sondern wirklich gefährlich sind Menschen, die nie Schuldgefühle haben.“

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Der Duft des Anderen

„Es gibt Menschen, die kann man nicht riechen. Wenn das so ist, rate ich dringend von einer Beziehung ab. Wir wissen, dass der Mensch Phenole ausstößt, die einen charakteristischen, durchdringenden Duft haben. Der passt oder passt eben nicht“, so Raphael Bonelli, Buchautor, Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut aus Wien. Die Duftnote des anderen ist nur eins der „Geheimnisse“, die bei Paaren die Basis einer glücklichen Beziehung bilden können.

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Der Reiz des Anderen

Was der Wiener Arzt aber aufgrund der zahllosen Gespräche und Therapien weiß: „Der große Irrtum unserer Zeit ist die Überschätzung des Bauchgefühls. Es fühlt sich sensationell an. Man lässt aber das Gefühl nicht sacken und konsultiert Herz und Kopf, ob die Richtung auch stimmt.“ Sollte man aber, denn Liebe und Lust zündeln zuerst im Bauch – das ist die Emotion, dieses Prickeln, Ziehen, das Unwiderstehliche. Aber der Bauch ist nicht unfehlbar. „Man kann sich in den Falschen verlieben und trotzdem fühlt es sich toll an.“ Der Kopf, dort, wo die Vernunft ihre Stimme erheben sollte, tut sich in solchen  besinnungslosen Phasen zugegebenermaßen schwer. Und das Herz, das letztendlich die Entscheidung trifft, kommt erst ganz zum Schluss zum Zug.

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Spricht aus christlicher Sicht etwas gegen Psychotherapie?

Aus christlicher Sicht spricht natürlich nichts gegen die fachgerechte medizinische Versorgung mithilfe der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die einer konkreten Zeit zur Verfügung stehen. Das gilt für alle Krankheiten, sowohl für die körperlichen als auch für die psychischen – die übrigens in der Zwischenzeit nicht mehr „Krankheiten“, sondern lieber „Störungen“ genannt  werden. Für die psychischen Störungen stehen zwei wesentliche Therapiegruppen zur Verfügung: Pharmakotherapie und Psychotherapie. Beide Therapieformen sind aus christlicher Sicht gut und hilfreich. Auch religiöse Menschen sind nicht hundertprozentig vor psychischen Problemen geschützt.

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Hält der Glaube uns gesund?

Bonelli verweist aber auch ­darauf, dass Glaube nicht nur ­gesund, sondern auch krank ­machen kann: Dann nämlich, wenn die religiöse Praxis nicht aus eigener Überzeugung, sozusagen von innen heraus (intrinsische Religiosität), sondern durch äußeren Druck entsteht (extrinsische Religiosität) – also zum Beispiel aus Angst vor Konse­quenzen oder aus dem Gefühl, sich Liebe verdienen zu müssen. Solche krank machenden Auswirkungen sind allerdings deutlich seltener zu beobachten.

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Hauptsache perfekt? Warum es so wichtig ist, lockerzulassen

Wie entkommen wir der Perfektionismusfalle? Der erste Schritt ist, den Perfektionismus zu durchschauen und zu benennen. „Es geht um das langsame Erarbeiten von Sprache. Die Klienten lernen, das, was sie erleben, in Worte zu bringen“, sagt Bonelli. Es gehe um Selbsterkenntnis: ‘Aha, so bin ich also.’ Und dann um die Entscheidung: ‘Ich will nicht so sein. Ich will diese oder jene Angewohnheit ablegen und durch eine andere, nützliche ersetzen.’ Danach gehe es darum, die ausgewählte Gewohnheit auch im Alltag zu üben und letztlich zu festigen.

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Total verknallt in sich selbst

Was den Mann zum Narzissten macht, bleibt umstritten. Eines ist für Bonelli aber klar: „Es ist keine genetische Erbkrankheit, sondern großteils erworben.“ Und damit wagt sich der Autor auf gefährliches Terrain. Er legt dar, wie schon aus Kleinkindern heutzutage Majestäten gemacht werden, behandelt wie kleine Erwachsene, grenzenlos überhöht in ihrer Bedeutung, überhäuft mit Lob bei jeder Gelegenheit. Das steigert in den jungen Menschen das Gefühl, jemand ganz Besonderer zu sein – ein idealer Nährboden für angehende Narzissten. „Die Überbewertung beginnt bei der Geburt des Kindes“, stellt Bonelli trocken fest. „Den Kindern werden immer ausgefallenere und auffälligere Namen gegeben.“ Aus der Masse hervorstechen von Anfang an.

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Erschreckende Entwicklung: Der krankhafte Narzissmus steigt bei Kindern und Jugendlichen unaufhaltsam an

Der krankhafte wie der grenzwertige Narzissmus steigt bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen seit den Achtzigerjahren unaufhaltsam an, insbesondere in der westlichen Welt.

In der bedeutendsten Studie von Jean Twenge, Psychologieprofessorin an der San Diego State University, die mit ihrem Team von 1979 bis 2006 etwa 17 000 Studenten beobachtet und befragt haben, kann man klar feststellen, dass es über die Jahre am Narcissistic Personality Inventory (siehe Anhang) zu einem regelrechten Hinaufschnellen der Narzissmuswerte kam.

Im Jahr 2006 sind zwei Drittel der Studenten über dem Durchschnitt der Jahre 1979 bis 1985 – das ist eine 30-prozentige Zunahme. Der Anstieg der Narzissmuswerte geht einher mit einer ebensolchen Zunahme an Selbstbewusstsein, Durchsetzungskraft, Selbstwertgefühl und Extraversion.

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Männer, die verliebt um sich selbst kreisen

Zuletzt hat sich der Autor mit dem Perfektionisten beschäftigt. Dass er jetzt das Psychogramm des narzisstischen Mannes zeichnet, ist gewiss kein Zufall, werden doch Perfektionismus und Narzissmus gern miteinander verwechselt. Bonelli arbeitet aber den Unterschied klar heraus: Der Perfektionist kreist angstvoll um sich selbst, der Narzisst kreist verliebt um sich selbst. Und das dauerhaft: „Eigenliebe ist der Beginn einer lebenslangen Romanze“, sagte Narzisst Oscar Wilde.

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Das Ende des Selbstbetrugs

Immer wieder kommen Patienten in die Therapiestunden und sagen gleich nach der Begrüßung, kaum dass sie die Couch auch nur berühren: „Also, Herr Doktor, zuerst muss ich etwas beichten: Ich habe letzte Woche…“. Meist „beichten“ sie dann gebrochene Vorsätze, die sie in der vergangenen Therapiestunde gefasst hatten: der Student, der eigentlich in der Früh aufstehen wollte, die Übergewichtige oder der Kaufsüchtige, die rückfällig wurden. Ja, ein überzeugt atheistischer Pornosüchtiger „beichtete“ mir kürzlich sogar, dass er seit der letzten Therapiestunde „gesündigt“ (sic!) habe. Auf meinen fragenden Blick antwortete er mit einem charmanten Schmunzeln, dass eben auch Atheisten sündigen können.

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Psychiater: Schamgefühl ist wichtig für die Persönlichkeit

Scham sei ebenso wie Schuld und Schmerz ein Gefühl, das Unstimmigkeiten anzeige, dabei aber kognitiv überprüft werden müsse, da es zu Recht oder auch zu Unrecht bestehen kann, so Bonelli. In der Psychologie sei das Schamgefühl in den vergangenen Jahrzehnten nur in seiner übertriebenen, pathologischen Form gesehen worden. Diese gebe es durchaus. „Ein Zuviel kann sich in Störungen des Essverhaltens oder des Körperbildes äußern.“ Besonders Mädchen würden sich oft zu Unrecht für zu dick halten und sich aus Scham verstecken; ähnlich würden die meisten Schönheits-OPs auf bloße Einbildungen eines fehlgeformten Körpers zurückgehen.

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Dem Sex im Netz verfallen

Männer können süchtig werden nach Pornos aus dem Netz. Zwei Prozent aller Konsumenten solcher Inhalte sind davon betroffen. Das klingt nach wenig, ist es aber nicht. Experten beziffern die Zahl der Internet-Sexsüchtigen in Deutschland mit 400.000 Personen; in Österreich dürfte es ein Zehntel davon sein, immer noch 40.000 an der Zahl. „Fast jede Woche kommt ein Patient zu mir, der sich befreien möchte vom Zwang, sich ständig Sexfilme anzusehen“, berichtet Bonelli aus seiner Praxis. Ein Muster für besonders anfällige Männer erkennt er nicht. „Es kann jeden erwischen, ganz unabhängig davon, wie sein gesellschaftlicher Hintergrund aussieht.“

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Die Macht der Kränkungen

2003 wurde das psychiatrische Diagnose-Handbuch erstmals mit dem Begriff „posttraumatische Verbitterungsstörung“ bereichert, die, so der Wiener Psychotherapeut Raphael Bonelli, nach Kränkungen wie einer zu Unrecht empfundenen Kündigung, falschen Beschuldigungen, Mobbing und Beziehungstrennungen entstehen kann. Das Wesen dieser Störung, die sich in Depressionen, sozialer Isolation bis hin zum Selbstmord manifestieren kann, zeige sich in der Unfähigkeit des Betroffenen, „eigene Schuldanteile zu erkennen und zu verzeihen“. Bonelli: „Solche Menschen sehen nur das Unrecht, das ihnen widerfahren ist, sie sind grundbeleidigt und entwickeln eine generelle Bockigkeit dem Leben gegenüber.“ Die größten Risikogruppen für eine solche Störung wären Narzissten und Perfektionisten, die sich selbst nur Lebensberechtigung im Job attestieren und von Lob und Applaus überdimensional abhängig sind.

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Ideale Ergänzung

Bonelli drückt es ironisch so aus: «Sie hat die Wahrnehmung, kann sie aber nicht immer deuten. Er hat die Wahrnehmung nicht, könnte sie aber deuten.» Männer könnten vom «emotionalen Coaching» der Frauen viel profitieren. Derzeit schreibt Bonelli an einem Buch über männliche Narzissten. Diese verachteten Frauen – und könnten deshalb auch nicht auf diese weiblichen Ressourcen zurückgreifen. Umgekehrt stünden Frauen auf die Systematisierungsfähigkeiten des männlichen Geistes: «Frauen wollen geordnet werden.» Das habe Sex-Appeal. Verwische man diese Unterschiede, negiere man auch die ­Qualitäten der Geschlechter.

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Die große Angst vor Fehlern

Steigenden Optimierungsdruck bemerkt auch der Wiener Psychiater Raphael Bonelli in seiner Praxis. Obwohl es nur wenige Studien gebe, traue er sich eine Hypothese zu: „Die Angst vor Fehlern ist in der heutigen Gesellschaft enorm.“ Bonelli nahm seine Beobachtungen als Anlass,, ein Buch über Perfektionismus zu schreiben. Viele psychische Probleme – vor allem Burnouts, Depressionen oder Essstörungen – weisen einen hohen Zusammenhang mit perfektionistischem Verhalten auf. Die Angst kenne dabei keine Altersgrenze – Jugendliche wie Pensionisten besuchen Bonelli mit unterschiedlichen Anliegen. Perfektionismus sei aber eine denkbar falsche Reaktion auf die Angst vor Fehlern, denn die Menschen stehen sich durch ihr krankhaftes Verhalten, alles unbedingt richtig machen zu wollen, selbst im Weg. „Das Bessere ist des Guten Feind“, das wusste bereits Voltaire.

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Psychologie des Fundamentalismus

Der Fanatiker nimmt von seiner Religion nur das, was ihm nützt. Er geht selektiv vor“, hält Bonelli fest. So berufe sich etwa ein katholischer Fundamentalist gerne auf den Papst, allerdings ohne sich ihm tatsächlich unterzuordnen. In Wahrheit ziehe er nur jene Aussagen des Papstes heran, die zu seinem Weltbild passen. Als Beispiel führt der Psychologe islamophobe Christen an, die ihren Hass auf Muslime mit ihrer angeblichen Katholizität begründen, sich aber gleichzeitig partout weigern, Bekenntnisse der Päpste zum christlich-islamischen Dialog, die ihrer Islamophobie widersprechen, zu akzeptieren. „Ich war sogar schon mit Katholiken konfrontiert, die eine Dolchstoß-Legende insinuiert haben, wonach Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. zu bestimmten Aussagen gezwungen worden seien. Das Feindbild der Muslime war bei ihnen so fest verankert, dass ihr Denken alles andere nicht zuließ.“

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