Der Duft des Anderen

„Es gibt Menschen, die kann man nicht riechen. Wenn das so ist, rate ich dringend von einer Beziehung ab. Wir wissen, dass der Mensch Phenole ausstößt, die einen charakteristischen, durchdringenden Duft haben. Der passt oder passt eben nicht“, so Raphael Bonelli, Buchautor, Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut aus Wien. Die Duftnote des anderen ist nur eins der „Geheimnisse“, die bei Paaren die Basis einer glücklichen Beziehung bilden können.

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Der Reiz des Anderen

Was der Wiener Arzt aber aufgrund der zahllosen Gespräche und Therapien weiß: „Der große Irrtum unserer Zeit ist die Überschätzung des Bauchgefühls. Es fühlt sich sensationell an. Man lässt aber das Gefühl nicht sacken und konsultiert Herz und Kopf, ob die Richtung auch stimmt.“ Sollte man aber, denn Liebe und Lust zündeln zuerst im Bauch – das ist die Emotion, dieses Prickeln, Ziehen, das Unwiderstehliche. Aber der Bauch ist nicht unfehlbar. „Man kann sich in den Falschen verlieben und trotzdem fühlt es sich toll an.“ Der Kopf, dort, wo die Vernunft ihre Stimme erheben sollte, tut sich in solchen  besinnungslosen Phasen zugegebenermaßen schwer. Und das Herz, das letztendlich die Entscheidung trifft, kommt erst ganz zum Schluss zum Zug.

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Spricht aus christlicher Sicht etwas gegen Psychotherapie?

Aus christlicher Sicht spricht natürlich nichts gegen die fachgerechte medizinische Versorgung mithilfe der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die einer konkreten Zeit zur Verfügung stehen. Das gilt für alle Krankheiten, sowohl für die körperlichen als auch für die psychischen – die übrigens in der Zwischenzeit nicht mehr „Krankheiten“, sondern lieber „Störungen“ genannt  werden. Für die psychischen Störungen stehen zwei wesentliche Therapiegruppen zur Verfügung: Pharmakotherapie und Psychotherapie. Beide Therapieformen sind aus christlicher Sicht gut und hilfreich. Auch religiöse Menschen sind nicht hundertprozentig vor psychischen Problemen geschützt.

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Hält der Glaube uns gesund?

Bonelli verweist aber auch ­darauf, dass Glaube nicht nur ­gesund, sondern auch krank ­machen kann: Dann nämlich, wenn die religiöse Praxis nicht aus eigener Überzeugung, sozusagen von innen heraus (intrinsische Religiosität), sondern durch äußeren Druck entsteht (extrinsische Religiosität) – also zum Beispiel aus Angst vor Konse­quenzen oder aus dem Gefühl, sich Liebe verdienen zu müssen. Solche krank machenden Auswirkungen sind allerdings deutlich seltener zu beobachten.

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Hauptsache perfekt? Warum es so wichtig ist, lockerzulassen

Wie entkommen wir der Perfektionismusfalle? Der erste Schritt ist, den Perfektionismus zu durchschauen und zu benennen. „Es geht um das langsame Erarbeiten von Sprache. Die Klienten lernen, das, was sie erleben, in Worte zu bringen“, sagt Bonelli. Es gehe um Selbsterkenntnis: ‘Aha, so bin ich also.’ Und dann um die Entscheidung: ‘Ich will nicht so sein. Ich will diese oder jene Angewohnheit ablegen und durch eine andere, nützliche ersetzen.’ Danach gehe es darum, die ausgewählte Gewohnheit auch im Alltag zu üben und letztlich zu festigen.

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Total verknallt in sich selbst

Was den Mann zum Narzissten macht, bleibt umstritten. Eines ist für Bonelli aber klar: „Es ist keine genetische Erbkrankheit, sondern großteils erworben.“ Und damit wagt sich der Autor auf gefährliches Terrain. Er legt dar, wie schon aus Kleinkindern heutzutage Majestäten gemacht werden, behandelt wie kleine Erwachsene, grenzenlos überhöht in ihrer Bedeutung, überhäuft mit Lob bei jeder Gelegenheit. Das steigert in den jungen Menschen das Gefühl, jemand ganz Besonderer zu sein – ein idealer Nährboden für angehende Narzissten. „Die Überbewertung beginnt bei der Geburt des Kindes“, stellt Bonelli trocken fest. „Den Kindern werden immer ausgefallenere und auffälligere Namen gegeben.“ Aus der Masse hervorstechen von Anfang an.

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Erschreckende Entwicklung: Der krankhafte Narzissmus steigt bei Kindern und Jugendlichen unaufhaltsam an

Der krankhafte wie der grenzwertige Narzissmus steigt bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen seit den Achtzigerjahren unaufhaltsam an, insbesondere in der westlichen Welt.

In der bedeutendsten Studie von Jean Twenge, Psychologieprofessorin an der San Diego State University, die mit ihrem Team von 1979 bis 2006 etwa 17 000 Studenten beobachtet und befragt haben, kann man klar feststellen, dass es über die Jahre am Narcissistic Personality Inventory (siehe Anhang) zu einem regelrechten Hinaufschnellen der Narzissmuswerte kam.

Im Jahr 2006 sind zwei Drittel der Studenten über dem Durchschnitt der Jahre 1979 bis 1985 – das ist eine 30-prozentige Zunahme. Der Anstieg der Narzissmuswerte geht einher mit einer ebensolchen Zunahme an Selbstbewusstsein, Durchsetzungskraft, Selbstwertgefühl und Extraversion.

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Männer, die verliebt um sich selbst kreisen

Zuletzt hat sich der Autor mit dem Perfektionisten beschäftigt. Dass er jetzt das Psychogramm des narzisstischen Mannes zeichnet, ist gewiss kein Zufall, werden doch Perfektionismus und Narzissmus gern miteinander verwechselt. Bonelli arbeitet aber den Unterschied klar heraus: Der Perfektionist kreist angstvoll um sich selbst, der Narzisst kreist verliebt um sich selbst. Und das dauerhaft: „Eigenliebe ist der Beginn einer lebenslangen Romanze“, sagte Narzisst Oscar Wilde.

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Das Ende des Selbstbetrugs

Immer wieder kommen Patienten in die Therapiestunden und sagen gleich nach der Begrüßung, kaum dass sie die Couch auch nur berühren: „Also, Herr Doktor, zuerst muss ich etwas beichten: Ich habe letzte Woche…“. Meist „beichten“ sie dann gebrochene Vorsätze, die sie in der vergangenen Therapiestunde gefasst hatten: der Student, der eigentlich in der Früh aufstehen wollte, die Übergewichtige oder der Kaufsüchtige, die rückfällig wurden. Ja, ein überzeugt atheistischer Pornosüchtiger „beichtete“ mir kürzlich sogar, dass er seit der letzten Therapiestunde „gesündigt“ (sic!) habe. Auf meinen fragenden Blick antwortete er mit einem charmanten Schmunzeln, dass eben auch Atheisten sündigen können.

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Psychiater: Schamgefühl ist wichtig für die Persönlichkeit

Scham sei ebenso wie Schuld und Schmerz ein Gefühl, das Unstimmigkeiten anzeige, dabei aber kognitiv überprüft werden müsse, da es zu Recht oder auch zu Unrecht bestehen kann, so Bonelli. In der Psychologie sei das Schamgefühl in den vergangenen Jahrzehnten nur in seiner übertriebenen, pathologischen Form gesehen worden. Diese gebe es durchaus. „Ein Zuviel kann sich in Störungen des Essverhaltens oder des Körperbildes äußern.“ Besonders Mädchen würden sich oft zu Unrecht für zu dick halten und sich aus Scham verstecken; ähnlich würden die meisten Schönheits-OPs auf bloße Einbildungen eines fehlgeformten Körpers zurückgehen.

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Dem Sex im Netz verfallen

Männer können süchtig werden nach Pornos aus dem Netz. Zwei Prozent aller Konsumenten solcher Inhalte sind davon betroffen. Das klingt nach wenig, ist es aber nicht. Experten beziffern die Zahl der Internet-Sexsüchtigen in Deutschland mit 400.000 Personen; in Österreich dürfte es ein Zehntel davon sein, immer noch 40.000 an der Zahl. „Fast jede Woche kommt ein Patient zu mir, der sich befreien möchte vom Zwang, sich ständig Sexfilme anzusehen“, berichtet Bonelli aus seiner Praxis. Ein Muster für besonders anfällige Männer erkennt er nicht. „Es kann jeden erwischen, ganz unabhängig davon, wie sein gesellschaftlicher Hintergrund aussieht.“

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Die Macht der Kränkungen

2003 wurde das psychiatrische Diagnose-Handbuch erstmals mit dem Begriff „posttraumatische Verbitterungsstörung“ bereichert, die, so der Wiener Psychotherapeut Raphael Bonelli, nach Kränkungen wie einer zu Unrecht empfundenen Kündigung, falschen Beschuldigungen, Mobbing und Beziehungstrennungen entstehen kann. Das Wesen dieser Störung, die sich in Depressionen, sozialer Isolation bis hin zum Selbstmord manifestieren kann, zeige sich in der Unfähigkeit des Betroffenen, „eigene Schuldanteile zu erkennen und zu verzeihen“. Bonelli: „Solche Menschen sehen nur das Unrecht, das ihnen widerfahren ist, sie sind grundbeleidigt und entwickeln eine generelle Bockigkeit dem Leben gegenüber.“ Die größten Risikogruppen für eine solche Störung wären Narzissten und Perfektionisten, die sich selbst nur Lebensberechtigung im Job attestieren und von Lob und Applaus überdimensional abhängig sind.

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Ideale Ergänzung

Bonelli drückt es ironisch so aus: «Sie hat die Wahrnehmung, kann sie aber nicht immer deuten. Er hat die Wahrnehmung nicht, könnte sie aber deuten.» Männer könnten vom «emotionalen Coaching» der Frauen viel profitieren. Derzeit schreibt Bonelli an einem Buch über männliche Narzissten. Diese verachteten Frauen – und könnten deshalb auch nicht auf diese weiblichen Ressourcen zurückgreifen. Umgekehrt stünden Frauen auf die Systematisierungsfähigkeiten des männlichen Geistes: «Frauen wollen geordnet werden.» Das habe Sex-Appeal. Verwische man diese Unterschiede, negiere man auch die ­Qualitäten der Geschlechter.

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Die große Angst vor Fehlern

Steigenden Optimierungsdruck bemerkt auch der Wiener Psychiater Raphael Bonelli in seiner Praxis. Obwohl es nur wenige Studien gebe, traue er sich eine Hypothese zu: „Die Angst vor Fehlern ist in der heutigen Gesellschaft enorm.“ Bonelli nahm seine Beobachtungen als Anlass,, ein Buch über Perfektionismus zu schreiben. Viele psychische Probleme – vor allem Burnouts, Depressionen oder Essstörungen – weisen einen hohen Zusammenhang mit perfektionistischem Verhalten auf. Die Angst kenne dabei keine Altersgrenze – Jugendliche wie Pensionisten besuchen Bonelli mit unterschiedlichen Anliegen. Perfektionismus sei aber eine denkbar falsche Reaktion auf die Angst vor Fehlern, denn die Menschen stehen sich durch ihr krankhaftes Verhalten, alles unbedingt richtig machen zu wollen, selbst im Weg. „Das Bessere ist des Guten Feind“, das wusste bereits Voltaire.

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Psychologie des Fundamentalismus

Der Fanatiker nimmt von seiner Religion nur das, was ihm nützt. Er geht selektiv vor“, hält Bonelli fest. So berufe sich etwa ein katholischer Fundamentalist gerne auf den Papst, allerdings ohne sich ihm tatsächlich unterzuordnen. In Wahrheit ziehe er nur jene Aussagen des Papstes heran, die zu seinem Weltbild passen. Als Beispiel führt der Psychologe islamophobe Christen an, die ihren Hass auf Muslime mit ihrer angeblichen Katholizität begründen, sich aber gleichzeitig partout weigern, Bekenntnisse der Päpste zum christlich-islamischen Dialog, die ihrer Islamophobie widersprechen, zu akzeptieren. „Ich war sogar schon mit Katholiken konfrontiert, die eine Dolchstoß-Legende insinuiert haben, wonach Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. zu bestimmten Aussagen gezwungen worden seien. Das Feindbild der Muslime war bei ihnen so fest verankert, dass ihr Denken alles andere nicht zuließ.“

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Lebst du schon? Oder bist du noch perfekt?

Psychologen unterscheiden zwischen einem gesunden „funktionalen“ und einem ungesunden „dysfunktionalen“ Perfektionismus. Der gesunde Perfektionist strebt danach, seine Sache gut zu machen. Er verfolgt seine Ziele gewissenhaft, freut sich über positive Ergebnisse, gesteht sich aber auch zu, auf dem Weg dahin nicht alles richtig zu machen. Fehler sind für ihn kein Weltuntergang, er kann loslassen und umdisponieren, wenn er merkt, dass ein Ziel nicht erreichbar ist. Der ungesunde Perfektionist dagegen ist abhängig von der Anerkennung durch andere und hat ständig Angst, zu versagen. Er legt die Latte hoch, unabhängig davon, ob das Ziel überhaupt realistisch ist. Gleichzeitig hat er panische Angst, Fehler zu machen und den Erwartungen nicht zu genügen. Solche dysfunktionalen Perfektionisten sind in einer Dauerbewährungssituation. Es geht ihnen um „Unangreifbarkeit“, wie der österreichische Therapeut Raphael Bonelli in seinem neuen Buch schreibt. „Perfektionismus ist ein Vermeidungsverhalten: Wer perfekt arbeitet, kann weder getadelt noch kann ihm gekündigt werden.“

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Perfekt, Perfekter, … Mutter?!

Besonders berufstätige Mütter sind durch ihre Mehrfachbelastung auf unterschiedlichen Ebenen mit dem Perfektionsgedanken konfrontiert. Denn neben dem Bild, das in der Öffentlichkeit, der Werbung und durch anderen Eltern gezeichnet wird, kommt als Sahnehäubchen der eigene Anspruch hinzu.

Die perfekte Mutter, die immer für ihre Kinder da ist, diese fördert und sich auch in der Schule engagiert, die perfekte Hausfrau, die einen tip-top Haushalt führt, die perfekte Mitarbeiterin, die eine glänzende Arbeitsleistung mit dem Wunsch nach anspruchsvolleren Aufgaben vereint und die perfekte Partnerin, die stets ein offenes Ohr für die Wünsche und Probleme ihres Partners hat: Berufstätige Mütter befinden sich in einem Karussell der Perfektion, die schwindelig macht.

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Weihnachten ist für Perfektionisten gefährlich: So werden Sie lockerer

Augsburger Allgemeine: Bin ich denn schon ein Perfektionist, wenn ich etwas besonders gut machen will, zum Beispiel den perfekten Weihnachtsbraten?

Nein, es gibt auch ein normales, gesundes Perfektionsstreben, und dagegen ist gar nichts einzuwenden. Wer sich selbst keine hohen Ziele setzt, verkommt zum Spießer und bleibt im Mittelmaß. Die Spanne zwischen dem SOLL, das hoch gesteckt ist, und dem IST, das darunter liegt, macht ein Wachstum des Menschen möglich. Es ist auch falsch, was viele herkömmliche Ratgeber empfehlen: Dass 80 Prozent Leistung reichen und man keine 100 Prozent geben muss. Wenn wir unser Auto zum Mechaniker geben oder wegen einer Krebserkrankung den Onkologen aufsuchen, erwarten wir schon 100 Prozent! Wir bewundern es auch, wenn Menschen etwas wirklich gut können. Michelangelo zum Beispiel hat seinen David perfekt gemacht. Es ist keine Lösung zu sagen, man macht alles nur noch halb oder dreiviertel so gut.

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Wenn es immer ganz genau passen muss

Der Neurowissenschafter an der Sigmund Freud-Privatuniversität in Wien sieht in der Tiefe einer solchen perfektionistischen Seele „immer die Angst“. Diese könne sich in zwei Gesichtern zeigen: in der Ichhaftigkeit oder im Zwang. Beide seien eng miteinander verwandt. „Die Ichhaftigkeit ist eine übertriebene Angst um sich selbst, der Zwang ist die Folge einer Angst, ein Ritual, das die Angst bannen soll, aber nicht kann.“

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Raus aus der Perfektionismusfalle

Unter anderem am Fall einer selbsternannten Karrierefrau legt Bonelli in mehreren, sorgfältig erläuterten Schritten offen, wie schwer es ist, sich selbst einzugestehen, in der Perfektionismusfalle zu sitzen, und wie mühsam es ist, den Weg heraus aus dem Perfektionismuswahn zu finden: wie viele innere Widerstände dabei zu überwinden sind, welche Brüche selbstgesetzter Tabus dabei zu vollziehen sind – und wie unendlich befreiend es ist, sich schlussendlich den Weg in die geistig-seelische Freiheit freigekämpft zu haben. In dieser von äußerer Ungewissheit geprägten Zeit und der sich darob schnell einschleichenden inneren Unsicherheit ist gerade diese geistig-seelische Freiheit und die erst durch sie ermöglichte Erkenntnis, dass es das Absolute, das ausschließlich Richtige und Wahre nicht gibt, der einzig zuverlässige Schutz davor, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren und an der unvollkommenen Welt irre zu werden.

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