Ein Psychiater kann Bosheit nicht messen

Die Tagespost: Was könnte im Kopf dieses Kopiloten vor sich gegangen sein, der in den selbst gewählten Tod 149 Menschen mitriss?

Raphael M. Bonelli: Man kann in einen anderen nie ganz hineinschauen. Erkennbar ist die Suizidabsicht eines Menschen, der sein Leben nicht alleine beenden will: Andere Menschen sollen mit ihm zu Tode kommen, und es soll möglichst spektakulär sein. Dieser Mensch hat es geschafft, mit seinem Abgang aus dem Leben einen unheimlichen Lärm zu machen. Das weist auf eine narzisstische Persönlichkeit hin, auf brüchigen Selbstwert, starke Verletzbarkeit, Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen. Diese Dimension der Rücksichtslosigkeit, die man auch Bosheit nennen kann, sehen wir bei pathologischen Narzissten.

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Wenn die Latte zu hoch liegt

Tiroler Tageszeitung: Was ist schlecht daran, nach dem Perfekten zu streben?

Raphael M. Bonelli: Eigentlich überhaupt nichts. Das Perfektionismusstreben ist im Menschen drinnen. Wir wollen immer besser werden und das ist völlig normal. Aber es gibt eine gesunde Art und eine ungesunde, neurotische Art.

Was ist der Unterschied?

Bonelli: Während beim gesunden Menschen die Perfektion im Vordergrund steht, ist es beim Neurotiker die Angst, Fehler zu machen. Perfektion wird von ihm nur vorgeschoben. Es geht ihm um die Außenwirkung. Er definiert sich zu sehr durch die eigene Leistung. Er will etwas Tadelloses leisten, weil er Angst vor dem Tadel hat.

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Was wir tun können

Der Sonntag: Was meint Askese im eigentlichen Sinn?

Bonelli: Askese bezeichnet seit der griechischen Antike eine Übungspraxis im Rahmen von Selbstschulung aus verschiedenster Motivation. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das durch Bemühung mehr er selbst werden kann – und durch Sich-Gehen-Lassen sich selbst immer mehr verliert. Den psychologischen Hintergrund dieses Phänomens nennt man die „Fähigkeit zur Selbstprägung“: nicht nur die Gene und die Umgebung prägen eine Persönlichkeit, auch der Mensch selbst hat die Freiheit, sich selbst zu verändern, an sich zu arbeiten. Das nennt man Charakterbildung.

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Schuld ist eine Bedrohung

Kleine Zeitung: Wenn man so weit ist, die eigene Schuld einzugestehen, muss man mit den Schuldgefühlen umgehen. Wie schafft man das?

Raphael M. Bonelli: Schuldgefühle sind ganz normal, nur die großen Ungeheuer der Geschichte hatten keine, wie Hitler oder Stalin. Gesunde Schuldgefühle machen das Zusammenleben erst möglich. Aber sie sind ein Bauchgefühl, das man rational untersuchen muss: Habe ich Schuld auf mich geladen? Wenn dem so ist, dann kann ich um Ent-Schuldigung bitten.

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Mann & Frau

Interview am Jugendtreffen in Pöllau

„In der Cybersexsucht will keiner stecken bleiben“

Ich als systemischer Psychotherapeut versuche, die Beziehungsdimension zu stärken. Oft ist die Sucht ja eine dysfunktionale Kompensation von Eheproblemen, die die Lösung dann aber erst recht verunmöglicht. Die meisten Therapeuten gehen mit dem Klienten auf die Suche nach Ressourcen, die dem Menschen möglich machen, das Leben zu leben, das er eigentlich leben will. Denn in der Cybersexsucht will keiner stecken bleiben.

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Der erste Schritt zur Verbesserung

Man kann sich eben nicht selbst entschuldigen, wie wir salopp sagen, sondern nur darum bitten. Und das Verzeihen ist dann der nächste Schritt des Gegenübers. Es gibt übrigens empirische Studien, dass der leichter verzeihen kann, der Einsicht in seine Fehler hat. Zu einer Patientin, die sehr ausführlich über die Fehler ihres Mannes berichten konnte, habe ich einmal gesagt: „Ich bin hocherfreut, dass ich die Ehre habe, vor der unbefleckten Empfängnis zu sitzen.“ Darauf hat die Patienten schallend gelacht und der Knoten ist geplatzt. Das kann man aber wohlgemerkt nicht mit jedem Patienten machen.

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Wer betet ist krisenfester

Das heilsame Moment [des Gebets] liegt im Perspektivenwechsel. Indem ich mich im Gebet dem anderen öffne, springe ich über meinen eigenen Schatten. Ich gewinne Distanz zu mir und lerne, Dinge mit anderen Augen zu sehen – mit den Augen Gottes. Durch diesen Sprung in die Transzendenz wird die schlimmste Dramatik in ein anderes Licht gerückt. Das relativiert vieles, es kommt zu heilsamen Aha-Erlebnissen.

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Weil „Beichten” enttabuisiert

Das Buß-Sakrament ermöglicht, dass ein „Mea culpa” gesprochen werden kann, es bietet einen sicheren Rahmen mit Lösungsvorschlag. Die Beichte führt die Schuld zurück in die Normalität und erreicht somit eine Enttabuisierung.

In Wirklichkeit ist Schuldig-Werden eine zutiefst menschliche Erfahrung, wir sind sehr häufig Opfer und Täter gleichzeitig. Das Leben besteht darin, Unrecht zu erleiden und Unrecht zu tun.

Wenn die Kirche die häufige Beichte empfiehlt, befreit sie vom Perfektionismuszwang des Zeitgeistes. Sie macht den Menschen auch fähiger, selbst anderen zu verzeihen, die an ihm schuldig geworden sind.

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