auserlesen: Selber schuld

Das Interview fand in der Serie „auserlesen – Menschen und Geschichten“ des Hope Channel statt.

 

Einfach ein schlechter Politiker

Dieser John D. Gartner sagt sprichwörtlich, dass Trump „auf gefährliche Weise mental krank ist“ und an „malignem Narzissmus“ leidet.

Da ist Gartner unseriös. Der amerikanische „Psychiater-Papst“ Allen Frances, der immerhin die Narzissmus-Kriterien aufgestellt hat, widerspricht dem vehement. Auf sein Verhalten treffen von außen betrachtet schon sehr viele narzisstische Kriterien zu: Offensichtlich hat Trump ein sehr, sehr hohes Selbstwertgefühl, er präsentiert sich selber als einer, der ganz toll ist, für Kritik jeglicher Art ist er nicht empfänglich. Er steht für sich selbst im Mittelpunkt.

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Das gefährliche Kreisen um sich selbst

Es heißt ja im Evangelium „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“. (Mk 10, 43)
Das Evangelium steht damit total im Einklang. Weil der Mensch nicht  glücklich werden kann, wenn er um sich selbst kreist, sondern, wenn er aus sich heraus geht in einer dienenden Funktion. Weil das dem Menschen gemäß ist, verkündet das auch die Religion. Aber es ist nicht etwas genuin  religiöses. Der weltbekannte Psychiater Viktor Frankl hat beispielsweise über den Dienst an einer guten Sache gesprochen. Kinder werden heute zu schnell in den Himmel gehoben, ihnen wird eine Lehrtätigkeit und Wichtigkeit hingeschoben, die eine Überforderung der Kinder ist.

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Die eigenen Fehler entdecken lernen

Es geht also [bei der Vergebung] zunächst um einen Willensakt. Wie übt man einen solchen ein?
Es gibt in diesem Zusammenhang eine Studie, die mir wichtig erscheint. Sie geht der Frage nach, wer sich leicht bzw. wer sich schwer mit dem Verzeihen tut. Das Ergebnis: Am leichtesten tun sich jene, die eigene Fehler erkennen können. Je mehr ein Mensch erkennt, dass er selbst fehlerhaft ist, umso eher kann er anderen einen Fehler zugestehen und deshalb verzeihen. Menschen, die sagen: „Mir wäre das nie passiert!“ und sich über den anderen empören – insbesondere Perfektionisten und Narzissten – tun sich ganz schwer mit dem Vergeben. Weiterlesen

Einige Kinder werden massiv traumatisiert

Wenn Volksschulkinder in schulischen Workshops mit diversen Sexualpraktiken konfrontiert werden, was passiert da in der Psyche von Neun- oder Zehnjährigen?
Es kann von Interesse bis Verstörung alles passieren. Das methodische Problem, das ich damit habe, dass Kinder im Volksschulalter mit Sexualität konfrontiert werden, ist, dass alle über einen Kamm geschoren werden. Dadurch werden einige Kinder massiv traumatisiert. Ich arbeite als Psychiater viel mit Opfern von sexuellem Missbrauch: Da ist die Sexualisierung des kindlichen Opfers Teil des Missbrauchsgeschehens. Das Kind wird altersinadäquat mit Sexualität konfrontiert, reagiert verstört und wird so mehr und mehr dem zugeführt, was der Täter später mit dem Kind vorhat. Gruppendynamisch betrachtet reagieren missbrauchsgeschädigte Acht- oder Neunjährige besonders „interessiert“. Das auffällige, ungesunde Interesse ist aber ein Symptom ihrer Traumatisierung. Und diese Pathologie wird in den Klassen dann über die gesunden Kinder drübergestülpt. Langfristige psychische Störungen bis ins Erwachsenenalter können die Folgen sein.

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Die Politik ist die Bühne des Narzissten

Bietet die Politik Narzissten eine besonders gute Bühne?
Der Narzisst benötigt Bewunderung – und zwar exzessiv. Das hält er für gerechtfertigt und die einzig legitime Art, über ihn zu denken. Da ist die Politik natürlich eine unglaublich gute Bühne – aber nicht die einzige. Trump hatte früher seine eigene Talkshow. Viele Schauspieler neigen zum Narzissmus. Aber auch der Fußball bietet eine großartige Bühne. Der Fußballer hat aus psychiatrischer Sicht das Problem, dass er in jungen Jahren eine Fertigkeit besonders gut kann, nämlich ein rundes Leder mit dem Bein in ein Tor zu schießen. Das wird in unserer Gesellschaft überraschenderweise sehr stark honoriert. Da hat es ein 18-Jähriger schwer, das richtig einzuordnen. Es jubeln ihm ja tatsächlich alle zu. David Alaba ist ein Beispiel für Bescheidenheit trotz großen Erfolgs. Wenn aber Ronaldo Sprüche von sich gibt wie „Mein Sohn braucht keine Mutter. Nur mich!“ zeigt das doch eine beträchtliche Abgehobenheit von der Realität.

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Männlicher Narzissmus: Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist

Das Interview wurde im Südwestrundfunk (SWR) ausgestrahlt.

Narzissten sind beratungsresistent

Sind Perfektionisten auch Narzissten und umgekehrt?

Nein, Perfektionisten sind Menschen, die denken, dass sie nur liebenswert sind, wenn sie nichts falsch machen. Antriebsfeder eines Perfektionisten ist die Angst. Perfektionisten kreisen angstvoll um sich selbst. Der Narzisst dagegen kreist selbstverliebt um sich. Wird ein Narzisst kritisiert, wertet er den Kritiker ab. Der Perfektionist dagegen ist am Boden zerstört, wenn ihn jemand kritisiert. Der gemeinsame Nenner beider ist, dass sie um sich selbst kreisen – aber eben aus anderen Beweggründen. Und: Narzissten sind beratungsresistent, Perfektionisten auch.

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auserlesen: Narzissmus und Perfektionismus

Das Interview fand in der Serie „auserlesen – Menschen und Geschichten“ des Hope Channel statt.

Um sich selbst kreisende Liebe

Wie sehen Sie das bei Hillary Clinton, seiner ehemaligen Konkurrentin, deren Traum zerplatzt ist?

Auch sie war nicht bei mir in Behandlung. Doch sehe ich bei ihr ähnliche Züge. Beide kreisten bei ihren Auftritten um sich selbst. Sie zeigte aber mehr kaltes Kalkül und kippte teilweise in die Perfektionistenfalle. Bei Frauen besteht eher diese Gefahr. Aber: Doppelt so viele Männer als Frauen sind Narzissten. Der Unterschied: Ein Perfektionist hat kein Charisma. Er ist unecht und durchaus angstvoll („Bin ich gut genug?“), hat eine Maske auf und ist berechnend. Der Narzisst hingegen ist charismatisch, emotional und zeigt, wie er wirklich ist. Das ist den Leuten irgendwie sympathisch. Wo der Perfektionist angespannt wirkt, genießt der Narzisst hingegen das „Schauen Sie mich an“. Viele sagten ja im Wahlkampf, „Hillary ist das kleinere Übel“. Ich denke schon, dass viele Hillary gewählt haben, um Trump zu verhindern. Aber wenige argumentierten: „Hillary ist die Beste.“ Das Ergebnis haben wir seit dem 9. November vorliegen.

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Männlicher Narzissmus: „Wir leben in einer Zeit der Selbsterhöhung“

Der Vorgesetzte oder ein cholerischer Kollege werden heutzutage schnell als „Narzisst“ abgestempelt. Wird dieser Begriff inflationär gebraucht?

Ja, da haben Sie recht. Ich habe deswegen einen Fall ins Buch aufgenommen, in dem eine Frau von ihrem furchtbar narzisstischen Mann berichtet, der sich dann schnell als Choleriker herausstellt. Er entschuldigt sich nach dem Anfall ganz zerknirscht.

„Narzissmus“ wird oft benutzt, um den anderen schlecht zu machen. In der Paartherapie empfehle ich den Ehepaaren zuallererst, ohne gegenseitige Diagnosen auszukommen, weil man so dem anderen viel besser zuhören kann.

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Narzissmus: Der Mann, der nur sich selbst liebt

Interview auf der Webseite www.wissenschaft.de

Selbstverliebte Politiker: Ist Trump ein Narzisst?

Donald Trump sagt: „Ich bin der einzige, der unsere Probleme lösen kann.“ Muss man Narzisst sein, um so etwas zu sagen?

Man muss natürlich berücksichtigen, dass viele Wähler in den USA gern vollmundige Äußerungen hören. Donald Trump hat mit seiner unverschämten Selbstverliebtheit Erfolg – sonst wäre er ja nicht Präsidentschaftskandidat der Republikaner geworden. Muhammad Ali hat sich in den USA als „der Größte“ bezeichnet und die Leute haben ihn dafür geliebt. Ob das bei Trump eine Masche ist oder ob es tief in ihm steckt, kann man von außen nicht sagen. Er riskiert jedenfalls sehr viel, wenn er sich so präsentiert. Denn narzisstische Symptome ziehen viele Leute an, aber sie stoßen auch viele ab. Narzissmus polarisiert. Ein Narzisst hat starke Fans und starke Gegner.

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Das große Ich bin Ich

Ein berühmtes Kinderbuch heißt „Das kleine Ich bin Ich“. Könnte man sagen, der Narzisst
ist das große Ich bin Ich?

Der Narzisst kreist um sich selbst und liebt sich selbst mit einer exklusiven Liebe, mit der man eigentlich nur einen anderen Menschen lieben kann. Sigmund Freud sagt, der Narzisst nimmt seine Libido vom Du, vom anderen weg und richtet sie nur auf sich selbst.

Das spürt man, sobald ein solcher Mensch bei der Tür hereinkommt. Ich merke binnen weniger Minuten,wie selbstverliebt manche Männer sich darstellen und wie begeistert sie von allem sind, was sie an Weisheiten in den Raumstellen.

Diese Begeisterung kann im günstigen Fall ansteckend sein. Deshalb haben Narzissten manchmal ein großes Charisma, dem viele nachlaufen. Das würde ich bei Cristiano Ronaldo durchaus so sehen.

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Gelassenheit: Erkennen, was mir guttut

Was tut unserer Psyche denn überhaupt nicht gut?

Zu viel Streben nach Perfektion. Das steckt in uns allen und ist zunächst völlig normal. Wir haben Ideale, Ziele. Wollen uns weiterentwickeln. Doch wenn allmählich die Angst im Vordergrund steht, Fehler zu machen, dann wird’s ungesund. Ein Perfektionist definiert sich zu sehr durch die eigene Leistung. Er will tadellos sein, weil er Angst vor dem Tadel hat. Er kann nicht glauben, dass er – so wie er ist – genügt. Ich sage immer zu meinen Patienten: „Sie sind ja kein Kunstwerk. Das braucht Wertschätzung, sonst ist es nichts wert. Ein Mensch ist immer etwas wert. Immer.“

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Tischgespräch mit Psychotherapeut Raphael M. Bonelli

Beitrag in der Sendung Tischgespräche des Westdeutschen Rundfunks

Du bist schuld!

Linzer Kirchenzeitung: Warum fällt es Menschen generell so schwer zu sagen: „Ich bin schuld“ bzw. „Ich habe Schuld“?

Raphael M. Bonelli: Das Schuldgefühl ist an und für sich unangenehm. Wir hätten es lieber nicht und wollen es nach Möglichkeit wegschieben. Ähnlich wie der Schmerz hat es aber eine gute Funktion. Tut das Knie weh, lassen wir es behandeln und der Schmerz ist weg. Haben wir ein Schuldgefühl, sollten wir uns ebenso damit beschäftigen. Vielleicht gibt es einen Schaden, den man wieder gutmachen kann. Oder man bittet eine Person um Entschuldigung. Oft wäre die Sache damit erledigt und die Last wäre weg.

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Wiener Psychiater Bonelli rät Synode zu ‚klaren Idealen‘

Kathpress: Was raten Sie als Psychiater der Familiensynode?

Raphael M. Bonelli: Die Religion hat die Aufgabe, der Gesellschaft einen Kontrapunkt zu setzen, sonst schafft sie sich selbst ab. Sie darf nicht passiv mit dem Strom schwimmen – das tun nur die toten Fische. Sie hat eine Botschaft für die Menschen. Die menschliche Psyche braucht Orientierungspunkte, denn nur hohe – bis jetzt noch nicht erreichte – Ideale ermöglichen persönliche menschliche Entwicklung. Es ist ganz normal, dass sich die Menschen mitunter daran reiben.

Deswegen sollte die Religion ein Ideal vorstellen, nach dem man sich ausrichten kann. Auch wenn das unbequem und unpopulär ist. Davor sollten die Synodenväter keine Angst haben, auch nicht vor medialer Schelte. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Sie blockiert und verunmöglicht die Identitätsfindung.

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Kontemplation und Perfektionismus

Interview mit Radio Vatikan.