Von Menschen, die keinen anderen Gott neben sich dulden

Letztlich beschrieb Bonelli den Narzissten als unfreie Persönlichkeit, denn drei Dimensionen würden den Menschen erst frei machen: seine innere Ordnung, seine Kooperationsfähigkeit und sein Vermögen zur Selbsttranszendenz. Der Narzisst jedoch verfange sich in der Selbstidealisierung, interessiere sich nicht für Beziehungen auf Augenhöhe und verbleibe in der Selbstimmanenz. „Das Heiligste, das der Narzisst kennt, ist er selbst.“ Er sei stark eingenommen von Phantasien eigener Macht, eigenen Erfolgs, eigener Brillanz, Schönheit und idealer Liebe. Er glaube, einzigartig zu sein und nur von besonderen Menschen verstanden zu werden. In zwischenmenschlichen Beziehungen sei er ausbeuterisch und manipulativ, auch neidisch und arrogant. Bonelli zitierte den britischen Psychoanalytiker Ernest Alfred Jones, der vom „Gotteskomplex“ sprach und meinte, der Narzisst sei vom Wesen her Atheist, weil er „keinen anderen Gott neben sich“ dulde.

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Humor in dieser, Freude in der kommenden Welt

Der Wiener Psychiater, Neurologe, Bestsellerautor und RPP-Gründer Raphael Bonelli sieht Humor als Begabung des Menschen, mit heiterer Gelassenheit zu reagieren. Wenn eine gute Beziehung zwischen Therapeut und Patient bestehe, sei Humor in der Psychotherapie eine „extrem effiziente und angenehme Art zu kommunizieren“, meinte Bonelli. Das gemeinsame Lachen ermögliche Begegnung auf Augenhöhe. Der „Humor des Herzens“ sei die innere Haltung, über sich selbst lachen zu können und dann anderen Gutes zu wollen, also „den inneren Narzissten zurück zu stellen“. Im guten Humor wachse der Mensch also über sich hinaus. Bonelli markierte aber auch Grenzen des Humoristischen: „Das Heilige ist nicht lustig. Vor dem Heiligen braucht man Respekt, Ehrfurcht. Fehl am Platz ist der Pfarrer, der während der heiligen Handlung Witze erzählt.“ Bonelli nannte dies „angebrachte Humorlosigkeit“. Unangebrachte Humorlosigkeit sei im Gegensatz dazu, „dass man etwas für heilig hält, was nicht heilig ist“. Der Depressive oder der angsthaft um sich selbst kreisende Perfektionist könne nicht lachen, der Narzisst nur auf Kosten anderer.

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„Perfektionisten-Bändiger“

Beitrag in der Sendung Doppelkopf des Hessischen Rundfunks

Der ideale Ort der Menschwerdung des Menschen

RPP-Gründer Raphael Bonelli beschrieb aus seiner psychotherapeutischen Praxis Familie als Trauma-Ursache und als Trauma-Schutz. Neurose könne als Denkstruktur in ganzen Familien erlernt werden. Eltern litten vielfach an schweren Schuldgefühlen, und seien von Psychologen oft auch für die Tragödien ihrer Kinder verantwortlich gemacht worden. Demgegenüber werde Familie in der neueren Forschung, etwa bei Martin Seligman, als Ressource entdeckt. In der Familie lerne das Kind Empathie, Tugenden, kritisches Feedback, ungeschuldete Liebe. Je mehr jemand in einer Familie eingebunden ist, desto weniger suizidgefährdet sei er. Raphael Bonelli schilderte aber auch die Ursachen dysfunktionaler Familien: das ich-hafte Kreisen um sich selbst, die Zunahme von Angststörungen aufgrund schwächer werdender Bindungen, die falschen Grundannahmen in den Beziehungen zwischen den Mitgliedern einer Familie.

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„Was uns nicht fehlt, ist ein Mehr an Ich“

RPP-Direktor Bonelli fasste die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Perfektionismus zusammen. Gesund und gut sei es, nicht nach dem Mittelmäßigen, sondern nach Perfektion zu streben. Ungesund und neurotisch jedoch sei der zwanghafte Perfektionismus als ich-haftes und angstvolles Kreisen um sich selbst. Perfektionismus sei ein Vermeidungsverhalten, geprägt von der Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit. Gesund sei es, die Spannung zwischen dem eigenen Ist-Stand und dem Soll zu erkennen, und in Gelassenheit auszuhalten. Beim Perfektionisten werde dass Soll jedoch zum Muss, die eigene Fehlerhaftigkeit halte er nicht aus.

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Wenn der Mensch wie eine Zitrone ausgepresst wird

Der Gründer des RPP-Instituts, der Wiener Psychiater und Psychotherapeut Raphael M. Bonelli, definierte als Aufgabe der Psychotherapie, „zu helfen, dass eine Unordnung wieder in Ordnung kommt“. Multitasking könne eine Kompetenz sein oder auch ein Problem, je nachdem, ob da Ordnung ist oder nicht: „Ungeordnet ist sie Aktionismus; geordnet ist sie eine Kompetenz, mehreren Verpflichtungen gleichzeitig nachzukommen.“ Die Angst beim (ungeordneten) Multitasking bestehe darin, nicht dabei zu sein, etwas zu verpassen oder die Kontrolle zu verlieren. Der Ichhafte brauche die Bestätigung von außen, verliere leicht den Überblick, habe Angst um sich selbst. Neben dem ich-haften gebe es aber auch ein sachliches Multitasking, das eine Werte-Hierarchie einführe und Prioritäten setze: „Der geordnete Mensch kann loslassen.“ Kontemplation sei in diesem Kontext Psychohygiene und helfe, „die Dinge zu sehen, wie sie sind“.

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Psychiater: Kontemplation ist „Psychohygiene in Reinkultur“

Bericht auf Radio Vatikan

Verzichten, um zu gewinnen

Bonelli, der das RPP-Institut 2007 als Plattform des interdisziplinären Austauschs zwischen der Welt des Glaubens und der Theologie einerseits und den Psycho-Wissenschaften auf der anderen Seite gegründet hat, riet zur Vorsicht bei der Pathologisierung von asketischen Formen und Fehlformen. Die Selbstkasteiung als freiwillige Entbehrung um eines höheren Gutes willen gebe es nicht nur im Christentum, sondern auch etwa im Buddhismus. Die Grenze zur psychopathologisch krankhaften Askese zeigte Bonelli mit Bildern von Extremformen der Nahrungsaskese, der autodestruktiven Gewalt und der Selbstbeschädigung. Sein Fazit: „Es gibt ein Zuviel an Askese, aber das Hauptproblem unserer Zeit ist ein Zuwenig an Askese.“ Die Folge dieses „Zuwenig“ sei der Kontrollverlust, etwa im Kaufzwang oder in der Internetsucht. Um das Leben in den Griff zu bekommen, brauche es das richtige Maß.

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Schuld und Reue

Sich eigene Schuld nicht bewusst zu machen, zu benennen, sie wegzudiskutieren oder auf andere zu schieben, verheißt noch lange kein kein Lebensglück und bringt uns auf Dauer menschlich und biographisch nicht weiter, so Bonelli. Erst, wenn wir bereit sind, unsere eigene Schuld zu akzeptieren und damit gut umzugehen, kann aus dem Scheitern ein neuer Anfang erwachsen.

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Gottesfurcht ist „Medikament“ und „Anfang der Weisheit“

Dass Gottesfurcht die Selbsterkenntnis des Menschen als Geschöpf Gottes fördert und damit sogar „Medikament“ ist, erklärte der Tagungsleiter und Neurowissenschaftler Raphael Bonelli, der den Perfektionismus als Quelle vieler Ängste beschrieb. Nicht nur im Körperkult der Essstörungen, in übertriebener „Political Correctness“ oder im Leistungsdenken, sondern auch in der Religion sei Perfektionismus oft anzutreffen. Bonelli: „Der Perfektionist will nicht als Sünder und Bittender vor Gott stehen, will tadellos sein statt der Verzeihung zu bedürfen. Er macht sich selbst zum Ideal und beurteilt andere wie die Pharisäer übermäßig streng.“

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Auswege aus der Opferfalle

„Ich will den Finger in diese Wunde legen“, sagte der Autor am Montag im SN-Gespräch, „weil ich glaube, dass hier in weiten Bereichen der Psychotherapie nach wie vor sehr viel schiefläuft“. Vor allem aber wolle er mit seinem Buch den Paradigmenwechsel unterstützen, der sich in der jüngeren therapeutischen Szene bereits abzeichne. „Ich sehe mich als eine Speerspitze dieser Bewegung, die nicht zuletzt durch die Missbrauchsfälle ausgelöst wurde“, sagte Bonelli. „Wir kommen in dieser Debatte nicht weiter, wenn jeder sich nur als Opfer sieht.“ Er habe selbst Missbrauchstäter in der Therapie „und aus dieser Erfahrung heraus betrachte ich es als therapeutischen Erfolg, wenn ein solcher Mensch sagt: ,Ich habe Schuld auf mich geladen.‘“

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Tagung: Gelingende Ehen brauchen Vorbilder

Der Psychiater Raphael Bonelli, befasste sich in seinem Vortrag mit der Arbeit an der Beziehungsfähigkeit, welche auch nach der Hochzeit weiter gehe. Vieles im Kennenlernen zwischen Mann und Frau sei gefühlsbetont, so Bonelli. Wenn man sich die Scheidungsstatistiken ansehe, bemerke man, dass es viele Scheidungen nach den ersten zwei bis drei Jahren Ehe gibt. Das sei laut Bonelli der Zeitpunkt, an dem die intensive Sexualität abflaue. Da habe die katholische Kirche doch eine Botschaft, die – wie ihm scheint – nicht ankomme, nämlich dass „Sexualität nicht alles ist in der ehelichen Beziehung“.

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Narzissmus blüht

Der Wiener Psychiater Raphael Bonelli berichtete aus seiner Praxis über die Zunahme von narzisstischen Erkrankungen, etwa von Musikern, die sich nicht in ein Orchester eingliedern, oder Fußballer, die sich der Teamstrategie nicht unterordnen könnten.

Studien würden belegen, dass die Gesellschaft immer egozentrischer werde. Eine generelle Unfähigkeit zum Gehorsam sei krankhaft, so Bonelli, der verschiedene Formen von Gehorsam unterschied. Darunter etwa jenen aus Angst; Angst vor Gewalt in diktatorischen Regimen, oder aber auch die Angst, nicht mehr dem Zeitgeist zu entsprechen und dazuzugehören, oder die vor göttlichen Strafen.

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Freiheit durch Bindung? Selbstverwirklichung in Gehorsam?

Ordnung, Gehorsam und Selbstüberwindung sind laut Bonelli wichtige Stufen auf dem Weg zur Freiheit. In allen großen Religionen spiele der Gehorsam eine wichtige Rolle, weil erst durch die Spannung zwischen Sein und Sollen eine menschliche Entwicklung möglich sei. Bonellis Resümee: „Wir jammern heute über das Sollen, weil wir eine Gesellschaft von Perfektionisten sind, die die Spannung von Sein und Sollen nicht aushalten.“ Um diese Differenz zu akzeptieren bedürfe es der Demut.

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Die Unfähigkeit zum Gehorsam deutet auf Psychopathie

Ein Sportler braucht zum Gewinnen die Einsicht, dass er nicht alles besser weiß, nur weil er schnell läuft, legt der Experte dar. Bei Teamsportarten wie Fußball komme die Komponente des Gehorsams gegenüber dem Trainer hinzu. „Ein beratungsresistentes technisches Talent ist hier unbrauchbar“, sagt Bonelli. Der Trainer-Input von außen hilft, sich selbst objektiver zu sehen. „Keiner ist sich selbst ein guter Ratgeber, da man oft den Wald vor lauter Bäumen nicht erkennt. Darum boomt die Coaching-Branche auch außerhalb des Sports derart.“

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Lügen macht krank: Ehrlichkeit ist gesünder

Notorisches Lügen sei chronischer Stress, erklärt der Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli im Gespräch mit der Agentur. Lügner müssten stets ein Auffliegen fürchten und dabei überlegen, wem sie was erzählen dürften, damit die Versionen zusammenpassten. „Die besten Lügner sind jene, die sich das auch selbst glauben, wobei etwa Alkoholiker ein Beispiel für Selbstbetrug sind“, sagt Bonelli, „oft belügt man sich selbst, um eine schmerzhafte Veränderung zu vermeiden.“

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Kirche fungiert auch als Auffangbecken für etwas ‚verdrehte‘ Personen

Neueste wissenschaftliche Studien beweisen, dass Religiosität dem Menschen zu 90% gut tut. Und was ist mit den restlichen 10%? Dazu muss man zwischen zwei verschiedenen Motivationen zur Religionsausübung unterscheiden:

Der intrinsisch motivierte Gläubige sucht nicht nach dem eigenen Vorteil, sondern achtet die Transzendenz hoch, unterwirft sich Gott und will der Religion dienen.

Dem extrinsisch Motivierte hingegen bedient sich der Religion. Er geht z.B. am Sonntag in die Messe, um gesehen zu werden, um seinen Ruf zu verbessern, um seine eigene Person zu präsentieren. Diese Menschen leiden unter ihrer „Religiosität“ und repräsentierten vermutlich die 10% derer, denen Religion nicht gut tut.

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Im Netz gefangen

Was Michael beschreibt, ist für Bonelli nicht ungewöhnlich, geradezu klassisch. Die typischen Symptome einer Internet-Sexsucht, so der Experte, seien Kontrollverlust, exzessiver Gebrauch des Internets (verbunden mit Verlust an  Zeitgefühl und Ignorieren basaler Notwendigkeiten wie Essen und Trinken), Entzugserscheinungen wie Ärger oder Spannung beim Nichtverfügbarsein des Computers sowie  die Steigerung der Dosis – es müssen nicht nur die bessere Software, sondern auch immer mehr und außergewöhnlichere Pornoinhalte her.

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Charakter und Charisma

Laut Studien seien 40 bis 50 Prozent genetisch bedingt, und auch die Umwelt habe einen großen Einfluss. Mit etwa 20 Prozent bezifferte Bonelli aber die Selbstprägung, durch die zum vorgegebenen Temperament und der geprägten Persönlichkeit der Charakter komme. Dem Charakter ordnete Bonelli drei Dimensionen zu: die Fähigkeiten zur inneren Ordnung, zur Kooperation mit anderen und zur Selbsttranszendenz. Die Freiheit des Menschen bestehe gerade darin, dass er sich auch gegen seine eigenen Emotionen für das Gute entscheiden könne.

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Tugend gibt Leichtigkeit im Leben

Klugheit, Tapferkeit, Maßhalten und Gerechtigkeit: Die Psychologie entdeckt die antiken Tugenden wieder als mobilisierbare Stärken. Zum Thema macht dies im Mai die Fachtagung „Charakter und Charisma“ an der Uni Wien. „Man schätzt, dass Gene und Umwelt menschliches Verhalten zu je 40 Prozent vorherbestimmen. Die restlichen 20 Prozent sind freier Wille – den man durch Störungen verlieren, durch Tugenden aber stärken kann“, erklärt Tagungsleiter Raphael Bonelli.

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