Weder frei noch Liebe: Apersonale Geilheit als Prinzip

Durch die apersonale Geilheit als Prinzip haben die 68er die Libido vom Du abgewendet und auf sich selbst gerichtet. Genau so beschreibt Sigmund Freud die Psychodynamik des Narzissmus. Herbert Marcuse, ihr intellektueller Leithammel, hat folgerichtig schlussgefolgert, dass der Narzissmus in der repressionsbefreiten, erosfundierten 68er-Gesellschaft „den Keim eines andersartigen Realitätsprinzips enthalten“ könne – unter Verherrlichung des Lustprinzips. In der Tat: Sex war bei den 68ern nicht Sprache der Liebe, sondern ein Bedürfnis, das jeder befriedigt, wo er gerade Lust hat.

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Psychiater: Beichte bietet Ausweg aus Perfektionismus-Wahn

Dabei ist das Schuld-Problem heute hochaktuell, wie der Psychiater erklärte: „Wir haben die Kompetenz verloren, mit eigener Schuld umzugehen.“ Innere „Dogmen“ wie „Ich darf keine Fehler machen, sonst bin ich nicht mehr liebenswert“, das narzisstische „Fehler zugeben ist Scheitern“ oder „Der Schwächere muss sich entschuldigen“ seien weit verbreitet, bis hin zur Haltung „Sünden gibt es nicht“, zu der die Psychiatrie selbst Vorschub geleistet habe. Bonelli: „Sigmund Freud kannte das Schuldgefühl nur als pathologische Form und Funktionsstörung – da er dem Mensch keine Freiheit und somit keine Verantwortung zuerkannte. Viele Therapeuten glauben bis heute, der Mensch sei nicht schuldfähig, und wollen daher Schuldgefühle einfach ausreden.“ Vielmehr sei das Schuldbewusstsein jedoch eine sinnvolle „Alarmanlage, die anzeigt, was los ist“ und Gewissensbisse ein „Zeichen psychischer Gesundheit.“

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Männlichkeit: nicht abschaffen, sondern kultivieren

Heißt das, dass die gesellschaftlichen Bilder vom Mann heute nicht mit dem übereinstimmen, was die Männer sind?

Bonelli: Dazu ein Beispiel: Männer sind stärker als Frauen. Vor 50 Jahren wäre diese Banalität nicht erwähnenswert gewesen. Jetzt habe ich fast zwei Jahre an einem Buch geschrieben. Da schien es mir, dass diese Banalität gar nicht erwähnenswert sei. Tatsächlich ist dieser Unterschied aber zentral. Denn dieser körperliche Unterschied hat direkte Auswirkungen auf die Psyche: Männer sind robuster, können mehr aushalten, sind stress-resistenter… Das lässt sich durch Studien belegen. Wenn nun ein Mann sich dessen nicht bewusst ist, kann er auch nicht entsprechend handeln, seine männliche Stärke nicht wohltuend in die Familie einbringen. Vielfach verändert er dann sein Verhalten in eine wehleidige, jammernde Weise. Und das ist der ehelichen Beziehung sehr abträglich. Der Patient, von dem die Rede war, ist sehr im Selbstmitleid geschwommen und seine Frau hat dies nicht ausgehalten.

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Kulturmontag: Der bedrohte Mann

Psychotherapeut Ralph Bonelli sah bei den Millennials gar einen echten Wandel, einen „Rückfall in die Keuschheit, die denken anders, die sind anders gestrickt.“ Was dann der 1984 geborene Stipsits mit seinen ein wenig einstudiert wirkenden Sätzen über Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau bestätigen durfte („Wieso ist es toll, wenn der Mann im Haushalt mittut, er wohnt ja auch dort?“). Und der Therapeut brachte schließlich doch noch die Biologie ins Spiel, die ihren Teil zur Geschlechterrolle beitrage. „Ein Mann ist biologisch ein Mann, allein deswegen ist er nicht Täter oder Übeltäter.“

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Heilkraft Religion: Länger leben mit Gottes Segen?

Raphael Bonelli, der zusammen mit Koenig geforscht hat, ist ein Psychiater aus Wien.  Er unterscheidet zwei Arten von Religion – und mit ihnen zwei Arten möglicher gesundheitsrelevanter Auswirkungen: die extrinsische und die intrinsische Religion. Während die intrinsisch motivierte Ausübung aus eigenem Antrieb heraus erfolge, sei bei der extrinsisch geprägt ein äußerer Druck im Spiel. In die Kirche gingen extrinisisch religiöse Menschen vor allem, weil sie beim Fernbleiben Konsequenzen fürchten. Eine extrinsische Religion könne mitunter schädlich für die Gesundheit sein, so Bonelli.

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Vom guten und vom schlechten Gewissen

Jeder Mensch macht gelegentlich etwas falsch. „In den meisten Fällen, in den gesunden Fällen sind Schuldgefühle begründet. Also der Normalfall des Menschen ist, dass man Schuldgefühle hat, weil man Schuld auf sich geladen hat“, betont Rafael Bonelli: „So richtig krank sind nicht die Leute, die Schuldgefühle haben – sondern wirklich gefährlich sind Menschen, die nie Schuldgefühle haben.“

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Der Duft des Anderen

„Es gibt Menschen, die kann man nicht riechen. Wenn das so ist, rate ich dringend von einer Beziehung ab. Wir wissen, dass der Mensch Phenole ausstößt, die einen charakteristischen, durchdringenden Duft haben. Der passt oder passt eben nicht“, so Raphael Bonelli, Buchautor, Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut aus Wien. Die Duftnote des anderen ist nur eins der „Geheimnisse“, die bei Paaren die Basis einer glücklichen Beziehung bilden können.

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Einfach ein schlechter Politiker

Dieser John D. Gartner sagt sprichwörtlich, dass Trump „auf gefährliche Weise mental krank ist“ und an „malignem Narzissmus“ leidet.

Da ist Gartner unseriös. Der amerikanische „Psychiater-Papst“ Allen Frances, der immerhin die Narzissmus-Kriterien aufgestellt hat, widerspricht dem vehement. Auf sein Verhalten treffen von außen betrachtet schon sehr viele narzisstische Kriterien zu: Offensichtlich hat Trump ein sehr, sehr hohes Selbstwertgefühl, er präsentiert sich selber als einer, der ganz toll ist, für Kritik jeglicher Art ist er nicht empfänglich. Er steht für sich selbst im Mittelpunkt.

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Das gefährliche Kreisen um sich selbst

Es heißt ja im Evangelium „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“. (Mk 10, 43)
Das Evangelium steht damit total im Einklang. Weil der Mensch nicht  glücklich werden kann, wenn er um sich selbst kreist, sondern, wenn er aus sich heraus geht in einer dienenden Funktion. Weil das dem Menschen gemäß ist, verkündet das auch die Religion. Aber es ist nicht etwas genuin  religiöses. Der weltbekannte Psychiater Viktor Frankl hat beispielsweise über den Dienst an einer guten Sache gesprochen. Kinder werden heute zu schnell in den Himmel gehoben, ihnen wird eine Lehrtätigkeit und Wichtigkeit hingeschoben, die eine Überforderung der Kinder ist.

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Der Reiz des Anderen

Was der Wiener Arzt aber aufgrund der zahllosen Gespräche und Therapien weiß: „Der große Irrtum unserer Zeit ist die Überschätzung des Bauchgefühls. Es fühlt sich sensationell an. Man lässt aber das Gefühl nicht sacken und konsultiert Herz und Kopf, ob die Richtung auch stimmt.“ Sollte man aber, denn Liebe und Lust zündeln zuerst im Bauch – das ist die Emotion, dieses Prickeln, Ziehen, das Unwiderstehliche. Aber der Bauch ist nicht unfehlbar. „Man kann sich in den Falschen verlieben und trotzdem fühlt es sich toll an.“ Der Kopf, dort, wo die Vernunft ihre Stimme erheben sollte, tut sich in solchen  besinnungslosen Phasen zugegebenermaßen schwer. Und das Herz, das letztendlich die Entscheidung trifft, kommt erst ganz zum Schluss zum Zug.

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Spricht aus christlicher Sicht etwas gegen Psychotherapie?

Aus christlicher Sicht spricht natürlich nichts gegen die fachgerechte medizinische Versorgung mithilfe der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die einer konkreten Zeit zur Verfügung stehen. Das gilt für alle Krankheiten, sowohl für die körperlichen als auch für die psychischen – die übrigens in der Zwischenzeit nicht mehr „Krankheiten“, sondern lieber „Störungen“ genannt  werden. Für die psychischen Störungen stehen zwei wesentliche Therapiegruppen zur Verfügung: Pharmakotherapie und Psychotherapie. Beide Therapieformen sind aus christlicher Sicht gut und hilfreich. Auch religiöse Menschen sind nicht hundertprozentig vor psychischen Problemen geschützt.

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Von Menschen, die keinen anderen Gott neben sich dulden

Letztlich beschrieb Bonelli den Narzissten als unfreie Persönlichkeit, denn drei Dimensionen würden den Menschen erst frei machen: seine innere Ordnung, seine Kooperationsfähigkeit und sein Vermögen zur Selbsttranszendenz. Der Narzisst jedoch verfange sich in der Selbstidealisierung, interessiere sich nicht für Beziehungen auf Augenhöhe und verbleibe in der Selbstimmanenz. „Das Heiligste, das der Narzisst kennt, ist er selbst.“ Er sei stark eingenommen von Phantasien eigener Macht, eigenen Erfolgs, eigener Brillanz, Schönheit und idealer Liebe. Er glaube, einzigartig zu sein und nur von besonderen Menschen verstanden zu werden. In zwischenmenschlichen Beziehungen sei er ausbeuterisch und manipulativ, auch neidisch und arrogant. Bonelli zitierte den britischen Psychoanalytiker Ernest Alfred Jones, der vom „Gotteskomplex“ sprach und meinte, der Narzisst sei vom Wesen her Atheist, weil er „keinen anderen Gott neben sich“ dulde.

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Die eigenen Fehler entdecken lernen

Es geht also [bei der Vergebung] zunächst um einen Willensakt. Wie übt man einen solchen ein?
Es gibt in diesem Zusammenhang eine Studie, die mir wichtig erscheint. Sie geht der Frage nach, wer sich leicht bzw. wer sich schwer mit dem Verzeihen tut. Das Ergebnis: Am leichtesten tun sich jene, die eigene Fehler erkennen können. Je mehr ein Mensch erkennt, dass er selbst fehlerhaft ist, umso eher kann er anderen einen Fehler zugestehen und deshalb verzeihen. Menschen, die sagen: „Mir wäre das nie passiert!“ und sich über den anderen empören – insbesondere Perfektionisten und Narzissten – tun sich ganz schwer mit dem Vergeben. Weiterlesen

Einige Kinder werden massiv traumatisiert

Wenn Volksschulkinder in schulischen Workshops mit diversen Sexualpraktiken konfrontiert werden, was passiert da in der Psyche von Neun- oder Zehnjährigen?
Es kann von Interesse bis Verstörung alles passieren. Das methodische Problem, das ich damit habe, dass Kinder im Volksschulalter mit Sexualität konfrontiert werden, ist, dass alle über einen Kamm geschoren werden. Dadurch werden einige Kinder massiv traumatisiert. Ich arbeite als Psychiater viel mit Opfern von sexuellem Missbrauch: Da ist die Sexualisierung des kindlichen Opfers Teil des Missbrauchsgeschehens. Das Kind wird altersinadäquat mit Sexualität konfrontiert, reagiert verstört und wird so mehr und mehr dem zugeführt, was der Täter später mit dem Kind vorhat. Gruppendynamisch betrachtet reagieren missbrauchsgeschädigte Acht- oder Neunjährige besonders „interessiert“. Das auffällige, ungesunde Interesse ist aber ein Symptom ihrer Traumatisierung. Und diese Pathologie wird in den Klassen dann über die gesunden Kinder drübergestülpt. Langfristige psychische Störungen bis ins Erwachsenenalter können die Folgen sein.

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Die Politik ist die Bühne des Narzissten

Bietet die Politik Narzissten eine besonders gute Bühne?
Der Narzisst benötigt Bewunderung – und zwar exzessiv. Das hält er für gerechtfertigt und die einzig legitime Art, über ihn zu denken. Da ist die Politik natürlich eine unglaublich gute Bühne – aber nicht die einzige. Trump hatte früher seine eigene Talkshow. Viele Schauspieler neigen zum Narzissmus. Aber auch der Fußball bietet eine großartige Bühne. Der Fußballer hat aus psychiatrischer Sicht das Problem, dass er in jungen Jahren eine Fertigkeit besonders gut kann, nämlich ein rundes Leder mit dem Bein in ein Tor zu schießen. Das wird in unserer Gesellschaft überraschenderweise sehr stark honoriert. Da hat es ein 18-Jähriger schwer, das richtig einzuordnen. Es jubeln ihm ja tatsächlich alle zu. David Alaba ist ein Beispiel für Bescheidenheit trotz großen Erfolgs. Wenn aber Ronaldo Sprüche von sich gibt wie „Mein Sohn braucht keine Mutter. Nur mich!“ zeigt das doch eine beträchtliche Abgehobenheit von der Realität.

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Hält der Glaube uns gesund?

Bonelli verweist aber auch ­darauf, dass Glaube nicht nur ­gesund, sondern auch krank ­machen kann: Dann nämlich, wenn die religiöse Praxis nicht aus eigener Überzeugung, sozusagen von innen heraus (intrinsische Religiosität), sondern durch äußeren Druck entsteht (extrinsische Religiosität) – also zum Beispiel aus Angst vor Konse­quenzen oder aus dem Gefühl, sich Liebe verdienen zu müssen. Solche krank machenden Auswirkungen sind allerdings deutlich seltener zu beobachten.

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Narzissten sind beratungsresistent

Sind Perfektionisten auch Narzissten und umgekehrt?

Nein, Perfektionisten sind Menschen, die denken, dass sie nur liebenswert sind, wenn sie nichts falsch machen. Antriebsfeder eines Perfektionisten ist die Angst. Perfektionisten kreisen angstvoll um sich selbst. Der Narzisst dagegen kreist selbstverliebt um sich. Wird ein Narzisst kritisiert, wertet er den Kritiker ab. Der Perfektionist dagegen ist am Boden zerstört, wenn ihn jemand kritisiert. Der gemeinsame Nenner beider ist, dass sie um sich selbst kreisen – aber eben aus anderen Beweggründen. Und: Narzissten sind beratungsresistent, Perfektionisten auch.

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Hauptsache perfekt? Warum es so wichtig ist, lockerzulassen

Wie entkommen wir der Perfektionismusfalle? Der erste Schritt ist, den Perfektionismus zu durchschauen und zu benennen. „Es geht um das langsame Erarbeiten von Sprache. Die Klienten lernen, das, was sie erleben, in Worte zu bringen“, sagt Bonelli. Es gehe um Selbsterkenntnis: ‘Aha, so bin ich also.’ Und dann um die Entscheidung: ‘Ich will nicht so sein. Ich will diese oder jene Angewohnheit ablegen und durch eine andere, nützliche ersetzen.’ Danach gehe es darum, die ausgewählte Gewohnheit auch im Alltag zu üben und letztlich zu festigen.

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Um sich selbst kreisende Liebe

Wie sehen Sie das bei Hillary Clinton, seiner ehemaligen Konkurrentin, deren Traum zerplatzt ist?

Auch sie war nicht bei mir in Behandlung. Doch sehe ich bei ihr ähnliche Züge. Beide kreisten bei ihren Auftritten um sich selbst. Sie zeigte aber mehr kaltes Kalkül und kippte teilweise in die Perfektionistenfalle. Bei Frauen besteht eher diese Gefahr. Aber: Doppelt so viele Männer als Frauen sind Narzissten. Der Unterschied: Ein Perfektionist hat kein Charisma. Er ist unecht und durchaus angstvoll („Bin ich gut genug?“), hat eine Maske auf und ist berechnend. Der Narzisst hingegen ist charismatisch, emotional und zeigt, wie er wirklich ist. Das ist den Leuten irgendwie sympathisch. Wo der Perfektionist angespannt wirkt, genießt der Narzisst hingegen das „Schauen Sie mich an“. Viele sagten ja im Wahlkampf, „Hillary ist das kleinere Übel“. Ich denke schon, dass viele Hillary gewählt haben, um Trump zu verhindern. Aber wenige argumentierten: „Hillary ist die Beste.“ Das Ergebnis haben wir seit dem 9. November vorliegen.

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Männlicher Narzissmus: „Wir leben in einer Zeit der Selbsterhöhung“

Der Vorgesetzte oder ein cholerischer Kollege werden heutzutage schnell als „Narzisst“ abgestempelt. Wird dieser Begriff inflationär gebraucht?

Ja, da haben Sie recht. Ich habe deswegen einen Fall ins Buch aufgenommen, in dem eine Frau von ihrem furchtbar narzisstischen Mann berichtet, der sich dann schnell als Choleriker herausstellt. Er entschuldigt sich nach dem Anfall ganz zerknirscht.

„Narzissmus“ wird oft benutzt, um den anderen schlecht zu machen. In der Paartherapie empfehle ich den Ehepaaren zuallererst, ohne gegenseitige Diagnosen auszukommen, weil man so dem anderen viel besser zuhören kann.

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